Rike Mohaupt   weiter   zurück



SO NICHT



               Fritz Hirzel, Rike Mohaupt. Roman. Kapitel XV


RIKE MOHAUPT TRITT VOM EINEN FUSS AUF DEN ANDERN,

sie ist zurück in NYC, sie wartet Central Park, Eingang 59th

Street, Fifth Avenue, der Himmel diesig, das Gelb, Gelbbraun, Dunkelorange, Rot der Blätter überwältigend, sie braucht

die getönten Gläser nicht, sie nimmt die Sonnenbrille ab, sie sieht

klar, denkt sie. Fünf Monate, nachdem die Bohrinsel

Deepwater Horizon explodiert war, hatte BP mitgeteilt, das

Bohrloch im Golf von Mexiko sei versiegelt, und BP

hatte das mitgeteilt, als sei’s ein Gütesiegel, als sei’s die

Beglaubigung eines Vertrages, und als hätte die

Regierung mit einem Zauberstab hantiert, war das ausgeflossene

Öl aus dem Golf von Mexiko verschwunden und in den

Morning News erst heute wieder aufgetaucht, ein Bericht der

von Präsident Obama eingesetzten Kommission, der

festhält, Zahlen seien manipuliert worden, nicht fünftausend

Barrel seien jeden Tag ausgeflossen, sondern zehnmal

mehr. Rike fragt sich, warum tut die Regierung sowas? warum

setzt sie getönte Gläser auf? warum frisiert sie die Wahrheit?

warum diese PR, dieses leichtfertiges Herunterspielen? ist es ein

Reflex? ist es das menschliche Hirn, das so funktioniert,

auch ihres? drückt nicht auch sie ein Auge zu, wenn zu viel

eindringt? Sie denkt, es ist verheilt, ihr Brandzeichen,

das blaue Auge, sie hat Stephen Wagoners Angriff überstanden,

sie hat neu angefangen, vorsichtig, tapfer, es ist das Ende

eines Albtraums, sie denkt, Stephen Wagoner hat aufgegeben,

es ist ein milder, sonniger Oktobertag, wie soll sie sagen?

jeder Schritt, jedes Blinzeln in die Sonne kostbar, sie denkt, sie hat

alles im Griff, hat sie das nicht, alles im Griff? Sie hat sich

verabredet am Eingang des Central Park, sie hat sich mit Steamboat

verabredet, sie sieht die Touristen vorüberziehen, Steamboat

verspätet sich, und als er eintrifft, erkennt sie ihn erst nicht, der Bart

ist ab, Steamboat winkt ausgreifend, da erst erkennt sie ihn,

so ganz neu, so ganz ohne Bart, sie tritt zu ihm hin, sie umarmt ihn,

so ganz ohne Kribbeln und Kratzen, leise sagt er in der

Umarmung: „It’s good to have you back.” Und dann, als sie sich

von ihm löst, es ist wie nach Sekunden der Ewigkeit, sieht sie,

wie er guckt, besorgt, ein wenig belustigt auch, denkt sie. Er fragt:

„Oder ist es das State Department? Ist das State Department

der Grund, warum du zurück bist?” Sie denkt, sie fasst es nicht.

Meint er die Angriffsgefahr? Letzten Sonntag, sie hat’s am

Radio gehört, hat das State Department bei Reisen nach Europa

Menschenansammlungen zu meiden empfohlen. Sie blickt ihn

ungläubig, ja entgeistert an. Er lacht, er sagt: „Sie wollen nicht, dass

wir über den Alexanderplatz bummeln, am Weihnachtsmarkt

Glühwein trinken, Büchsen werfen und die Frage gestellt bekommen,

Mütze oder Elch? Fox News hat den Fernsehturm als potenzielles Anschlagsziel genannt.” Es ist so absurd, sie muss lachen,

sie wirft den blondlockigen Haarschopf herum, in den sie eine Haarspange gesteckt hat, sie muss das abschütteln, sie

sagt: „Al Qaida? Brauch ich nicht, ich hab Stephen Wagoner.”

Steamboat guckt, als verstehe er nicht, er greift sich ans

Kinn, als sei da noch immer ein Bart, aber da ist keiner mehr,

schliesslich sagt Steamboat: „Wie war’s in Berlin? Hat’s

was gebracht?” Und, im selben Atemzug, ohne eine Antwort

abzuwarten: „Jetzt hast du’s gesehen, Kunstwerke sind

zu spekulativen Wertpapieren geworden, Galeristen

zu Erfüllungsgehilfen einer Kultur des Konsums. Und trotzdem –”

Er seufzt. „– ich hab das, wenn ich angerufen hab, immer

so geliebt – deine Stimme und die Art, wie du die Galerie angesagt

hast. Ich werde das vermissen.” Sie blickt zu Boden, sie

stösst die Luft aus, sie sagt, erleichtert, verwundert, nochmal:

„Carter & Domori. Ich bin Rike Mohaupt. Was kann ich für

Sie tun?” Einmal, der Freund der britischen Künstlerin hatte kurz

vor Ladenschluss angerufen und ohne Umschweife nach

Vivian Kretschmar gefragt, kam Rike sich vor wie eine Kupplerin,

aber das war’s nicht, was ihr den Telefonjob verdorben

hatte. Eine Stimmlage tiefer sagt sie: „Es hat mir auch immer

Spass gemacht. Bis er angerufen hat.” Er, Stephen

Wagoner. ihr Ex, aber so ist das nicht, nein, nein, sie ist ihm

davongelaufen, er hat sie eingeholt, so ist das, aber hat

sie fangen zu spielen mit ihm vereinbart? nein, nein, so ist das

nicht, sie ist geflohen, er hat sie aufgespürt, es hat sich

gezeigt, Distanz zählt für ihn nicht, sie hat gelernt, unter seinen

Fusstritten, sie hat gelernt, es macht keinen Unterschied,

ob sie in Berlin ist oder in NYC, es macht keinen Unterschied,

ob sie für ihn übersetzt oder ans Telefon geht. Was kann

ich für Sie tun? Es hat ihr tatsächlich immer Spass gemacht. Bis er

angerufen hat. Sie sieht, Steamboat ist unangenehm berührt,

ein wenig verlegen, er kratzt sich, er versteht nicht, er fragt: „Er?”

Sie sagt: „Ja. Er. Stephen Wagoner. Das hat alles nichts

gebracht, die Distanz, das alles –” Sie bricht ab, sie schüttelt den

Kopf. Steamboat nickt, er sagt: “Das Leben ist kein

Schnupperkurs.” Sie hat Lust zu lachen, laut zu lachen, ihn

auszulachen, sie tut es nicht, sie fragt sich, weiss er nicht,

dass sie mit den Nerven am Ende gewesen ist, nach Stephens

Attacke? Sie gehen ein Wegstück zusammen, sie gehen

parkeinwärts, vorbei an Touristen, die am Stand eines Souvenirverkäufers stehen, ein Paar, ein bulliges Paar. Der

Verkäufer hebt Postkarten hoch, die Skyline von NYC,

ein Bild ums andere, jedes Mal schüttelt die Frau den Kopf. Der

Verkäufer hält die Trumpfkarte hoch, enthusiastisch,

überzeugt, dass sie gefällt, aber die Frau winkt ab, sie sagt: „Zu vollgestopft, noch immer zu vollgestopft.” Kurz lacht er auf,

Steamboat, der neue Steamboat, und kratzt sich am Ohr, dann

sagt er zu Rike: “Ich hab ihn dir aufgehalst. Ich wollte das

immer mal sagen, ich hab es nie getan. Ich hab ihn dir aufgehalst.”

Rike blickt erstaunt, sie sagt: „Stephen.” Sie lacht, sie hört

das kurze, schrille Mohaupt-Lachen, sie denkt, es hat nichts zu

bedeuten, sie denkt, was hört sie nicht alles, sie hört

Sirenengeheul von der 5th Avenue, na und? es sind gilt nicht ihr.

Steamboat ist stehen geblieben, er sagt: „Ich hab ihn dir

aufgehalst. Ich hab ihn gerettet. Ich hab das nicht voraus gesehen.

Es tut mir leid.” Er reibt das Auge. Das ist nie blau gewesen

wie das ihre, denkt Rike, und verdankt sie es nicht letztlich

Steamboat, ihr Brandzeichen, das blaue Auge? sie sagt nichts, sie

schont ihn, sie sieht, er zögert. Dann sagt er rasch: “Willst du

ihn nochmal sehen?” Ihn. Stephen Wagoner. Ihren Ex, der im Loft

am Union Square neu Fuss fasst, mit Art and Wine. Sie zuckt

bei dem Gedanken zusammen, sie ist perplex, eine solche Frage,

ungeheuer ist das, ein Schauder packt sie, entrüstet sagt sie:

„Hein?” Steamboat wehrt sogleich ab, er sagt: „Ich will ihn

nicht sehen. Auf keinen Fall.” „Ich auch nicht”, sagt sie erleichtert.

„Unter keinen Umständen.” Steamboat ist erleichtert, ernst,

fast feierlich sagt er: “Dann sind wir uns in dem Punkt .” Ein Jogger

überholt sie, Rike macht automatisch ein paar Schritte, sie hat

Lust selbst loszulaufen, sie blickt auf, Sonne, seidiger

Oktoberhimmel, Ulmen, Ahorn, Eichen leuchten Gelb, Rot, Golden,

sie denkt, das könnte ein guter Lauf werden, trotz allem. Ein

Feuerwehrwagen, im Schritttempo im Park unterwegs,

ganze Mannschaft aufgesessen, überholt sie. Wo ist das Feuer?

Sie denkt, sie überfordert Steamboat. Er hat nichts gesagt.

Er hat ihr Brandzeichen, das blaue Auge nie gesehen. Sie nähert

sich mit Steamboat dem See. Da sieht sie den

Feuerwehrwagen wieder, geparkt am See, und daneben,

auf einer Bank in der Nähe, Schulter an Schulter, ihre

Sandwiches säuberlich auf dem Schoss, in Stiefeln, in voller

Montur die stämmigen Feuerwehrleute beim Picknick

am See. Sie denkt, they are so good looking. Erst dann sieht sie,

wie Steamboat neben ihr steht und wie er blickt und blickt.

Er macht unwillkürlich einen Schritt zu den Feuerwehrleuten hin.

Dann wendet er sich zurück, späht angespannt über die

Brille hinweg, die auf seiner Nase rutscht, schüttelt den grossen,

kindlichen Kopf und sagt: „Libuna ist gestorben.” Rike

versteht nicht. Sie blickt geradeaus. Sie sagt: „Wer?” Er sagt:

„Libuna. Dreiundfünfzig. Krebs.” Sie ist entsetzt. Sie ist

erschüttert. Sie blickt ungläubig. Sie sagt: „Was!”



                                   Der Schüler. Dienstag, 1. Februar 1944. Habsburgerstrasse 11. Es ist Nacht. August Mohaupt,

ausgebombt, mit Else in Lankwitz, im Nebengebäude einer

Gärtnerei, untergekommen, steigt das zweite Mal in die

Parterrewohnung von Willy Collin ein. Der Krieg ist verloren. So

gescheit ist er auch. Er will das Geld, das ganze Geld.

Er hat gesehen, wie Hedwig Collin das Geld in eine Bonbonnière

gesteckt hat, das Geld, das von Fürich bei der Reichsbank

locker gemacht hat, das Geld für das Geburtstagsgeschenk für den

Führer, das Geld für die Aufführungspartitur von Immer feste druff!

Er lacht das kurze, schrille Mohaupt-Lachen. Er will alles, er will

es zurück. Das Geld. Das ganze Geld. Er findet die

Bonbonnière. Er nimmt das Geld heraus. Er steckt es ein. Ein

Rascheln. Was ist das? Ein Schatten. Willy Collin? Nicht

schon wieder. Mohaupt schlägt sofort zu. Er glaubt, er hat sie

erledigt, die Ratte. Zerschmettert liegt eine Geige am

Boden. Er beugt sich über den Erschlagenen. Am Boden liegt

nicht Willy Collin. Am Boden liegt ein jugendlicher,

schwarzlockiger Kerl. Hat der Kapellmeister einen Schüler

versteckt? Mohaupt stutzt. Er kratzt sich. Er ist nass

vor Schweiss. Er tritt auf die Strasse. Er schwankt. Gleich gibt

es Alarm, denkt er. Alles kriegsverdunkelt. Das Haus. Die

Strasse. Die Sirene heult los. Zwei Mädchen eilen vorbei. Er sagt

halblaut, befriedigt, zu sich selbst: „Das hätten wir.”

Er denkt, der Schnurrbart verschwindet. Er hält mit Daumen

und Zeigefinger an ihm fest. Er denkt, der Schnurrbart

verschwindet aus dem Strassenbild.



                                   Ja, wo ist das Feuer? Report unusual

behaviour! hört Rike die Durchsage, als sie anderntags die U-Bahn

verlässt. Sie hat einen Termin. Sie trifft  auf dem Campus hinterm

Washington Square Anna-Lou Shubert, die praktische, tüchtige

Einzelhandelsfrau, die an der New York University Übersetzern

German To English beibringt und das Bewusstsein für

Übersetzungskatastrophen auch mal anhand der Vorgaben für

einen Rauchmelder schärft. „Bewahren Sie amerikanische

Beipackzettel auf, wenn Sie deutsche Gebrauchsanweisungen und

Werbung etc. korrekt übersetzen wollen, benutzen sie sie als

Hilfestellung. Heben Sie die Instruktionen auf, die Sie mit Ihrem

Rauchmelder bekommen. Sie könnten Ihnen nützlich sein!”

Und ist es das in diesem Fall nicht? eine Übersetzungskatastrophe?

Es ist Anna-Lou Shubert gewesen, die sie an Stephen

vermittelt hat, an Stephen Wagoner. „Ich hab da vielleicht etwas

für Sie.” Sind das die Worte gewesen, mit denen Anna-Lou

Shubert nach der Stunde sie anspricht? „Die Gebrauchsanweisung

für einen Rauchmelder?“ fragt Rike, und Fabio Calvani, die

Klasse verlassend, lacht, aber er dreht sich nicht um und winkt

nicht zum Abschied. „Einen Mann”, sagt Anna-Lou Shubert.

„Weinmarketing.” Sie hat das dicke Buch aufgeschlagen, das ihre Agenda ist. „Mr. Wagoner.” Das fällt Rike wieder ein, als sie

Anna-Lou Shubert jetzt gegenüber sitzt, nach so langer Zeit. Es ist

ein Nebenzimmer, in das sie geführt wird, die Luft abgestanden.

„Tut mir leid”, sagt Anna-Lou Shubert. „Aber ich kann hier

das Fenster nicht öffnen.” Rike denkt, was will sie hier überhaupt?

in dieser Besenkammer? Es ist alles so unwirklich. Sie lacht

das kurze, verzweifelte Mohaupt-Lachen, das ihr geblieben ist, fast

gleichzeitig nimmt sie erschrocken die Hand vor den Mund. Sie

hätte nicht herkommen sollen. Aber, denkt sie auch wieder,

sie will das einfach nur annullieren, dieses „etwas für Sie”. Sie fährt

mit der Hand durch das Haar, das schöne, lockige, blonde

Haar. Sie zieht die Karte aus der Notebooktasche. Sie beugt sich

vor. Sie gibt Anna-Lou Shubert die Karte zurück, die Karte mit

Stephen Wagoners Namen und Handynummer auf der Rückseite.

Sie holt Luft. Leise sagt sie: „Er bringt mich um.” Und

Anna-Lou Shubert, schwarzes Haar, blasser Teint, verzieht

keine Miene. Sie blickt über den Rand ihrer Brille, edles

Büffelhorn. „Eine Affaire?” fragt sie.


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