Rike Mohaupt   weiter   zurück



NACHSPEISE



               Fritz Hirzel, Rike Mohaupt. Roman. Kapitel I


SIE IST SONST SO FRÜH NICHT UNTERWEGS,

kein Mensch auf der Strasse, zwei Tauben, ein Paar bestimmt,

denkt Rike Mohaupt, als sie ihre Wohnung tief in Brooklyn

verlässt, auf den Bürgersteig tritt, sich niederbeugt und unter den Toyota schaut, ehe sie einsteigt. Die Zwei-Zimmer-Wohnung

ist ihre erste eigene Bleibe, sie hat sie vorletztes Jahr gemietet, es hat

alles gepasst. Im Hausgang, aus dem sie kommt, ist noch

Licht, das Ristorante im Erdgeschoss, auch der Friseur, reglos,

dunkel, verschlossen, der Waschsalon im Nebenhaus

wellblechverriegelt. Sie startet. Das hier, der Hörgeräteladen,

die Reinigung, der Copy Shop, die Trattoria, ist ihre

Nachbarschaft, aber das Leben der schmalen, unablässig

erneuerten, geschäftigen 5th Avenue, Brooklyn, die sie

entlangfährt, ist noch nicht erwacht. Sie hat Jeans an, winterweiss,

ein Blouson, schwarz, ein Kurzarmtop, Baumwoll-Jersey,

grey melanche, sie hat classic red aufgetragen, den dunkleren

roten Lippenstift von Cover Girl, sie denkt, sie ist mit

Autopilot aufgestanden, sie hat die Kontrolle noch nicht selbst

übernommen, bis ein beladener Mann auf die Fahrbahn

tritt und sie stoppt, nach rechts blickt und den Sterling Place quert.

Sie fährt in nördlicher Richtung mit dem Wissen einer Frau

Ende zwanzig, dass der Horizont in Brooklyn immer das Wasser ist,

der Atlantic Ocean, die Lower Bay, die Upper Bay, der East

River, und dass am Ende der Strasse Wasser wartet, Wasser, das

jede Strasse zur Sackgasse macht, Wasser, das die Brücken

nach Manhattan überwinden, die Tunnels, die Fähren, die Helikopter

von JFK, Wasser, das bei abnehmender Flut vor Häuserzeilen,

Werften, stillgelegten Lagerhallen eine Menge Dinge vor

sich hertreibt, die sie ohne Schutzanzug besser nicht anrührt,

Wasser, endloses Wasser, das ihr vor Reed Hook, Brooklyn,

am Pier 41 einmal den Blick auf QM2 freigibt, im

Gewühl hochgerissener Fotohandys, Camcorders, Kameras

Lichter, Luken, Rumpf, Kamin, weiss, schwarz, rot.


Heimspiel, denkt sie. Das hier, die Wein- und Spirituosenhandlung, Kim’s Blumenladen, der Elektrogerätediscounter, das hier ist

ihre Welt. Sie macht das Radio an. GM informiert die Händler in

Kanada über Pläne das Vertriebsnetz um vierzig Prozent zu

reduzieren. Feuertreppen, Parkingmeter, Müllsäcke. Eine Brünette

im Minijupe vor dem Fahrradmarkt. GM hat 709 Händler in

Kanada, die Verträge laufen im Oktober 2010 aus. Bis Ende Monat

will GM den Restruktuierungsplan fertig haben um sich

die Unterstützungsgelder der amerikanischen und kanadischen

Regierung zu sichern. Ein junger Mann in Jeans mit

gesenktem Kopf auf der Bank vor dem Waschsalon. Sie quert den

Park Place. General Motors, auch mal Generous Motors

genannt, wird Governmental Motors. Sie macht das Radio aus. Das

Internetcafé, der Bioladen, die Bildergalerie, das Photogeschäft,

Pizzatown, das Nagelstudio. Sie quert den Prospect Place.

Zwei Restaurants, das Flawless und das Picasso, der Spengler,

der Kiosk, der neue Bioladen. Sie quert die St. Marks Avenue.

Ein schwarzer Mittzwanziger mit Einkaufstüte. Eine Latina. Ein kahler

Sechziger in Shorts. Eine Frau mit Gepäck am Kofferraum

ihres Wagens. Die Anwaltskanzlei, die Glas- und Spiegelhandlung.

Eine Zwanzigjährige, zwei Schosshunde angeleint. Die

Apotheke, die Möbelhandlung. Sie quert die Bergen Street. Zwei

Jahre, denkt sie, hat sie hier verbracht, ihre erste eigene

Bleibe, 5th Avenue, Brooklyn, die bescheidene

Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, das Haus mit

Ristorante, mit Friseursalon, nichts Besonderes,

zwei Jahre hat sie jetzt hier verbracht, es sind die besten ihres

Lebens, aber so früh am Morgen kennt sie die Strasse

nicht, sie ist ihr fremd. Area Kids, Ristorante La Vedetta. Hier

hat sie gesessen mit Stephen, hier hat sie gesessen

mit Stephen Wagoner, hier, Ristorante La Vedetta, aber hat sie

hier Heimspiel? Sie zweifelt auf einmal. Der Früchte- und

Gemüseladen, die Arztpraxis, der Kundenparkplatz, die Brandmauer. Ein silbergrauer Buick biegt in die Strasse ein. Das leere Deli,

coffee and bagels, die Tür offen, lotto beer cigarette leuchtet die

Neonschrift, das Glück grün, das Bier gelb, Lucky Strike

weiss. Sie quert die Dean Street. Sie erreicht die Flatbush Avenue.

Triangle Sports, das Eckgebäude, Digitaluhr über dem

Eingang. Als sie in die Flatbush Avenue einbiegt, sieht sie, es

ist 7.22 Uhr, der Himmel gross und hell, leichte Wolken,

hinter denen die Sonne sichtbar wird, nur wenig Verkehr, ein

halbes Dutzend Wagen vorne beim Rotlicht. Ihr fällt der

Witz ein, den Stephen erzählt hat, als sie das erste Mal mit ihm

im Ristorante La Vedetta sitzt. Eine Autofahrerin stoppt mit

ihrem Wagen in Brooklyn beim Rotlicht, als die Ampel aber auf

grün schaltet, bleibt sie mit dem Wagen stehen. Die Farbe

der Ampel wechselt noch mehrfach, rot, gelb, grün, aber die

Fahrerin bewegt sich nicht von der Stelle. Schliesslich

kommt ein Polizist zu ihr herüber. „Was ist los, Lady?” fragt er.

„Haben wir keine Farben, die Ihnen gefallen?”


Sie folgt der Flatbush Avenue nordwärts, hat einen gelben

Truck vor sich, Best American Beer, überholt ihn, hat

einen weissen Bus vor sich, Lucky Star, sie erreicht das Atlantic

Center, aber als sie das hinter sich hat, spürt sie das mulmige

Gefühl im Magen, das nach Kaffee und Croissant ruft, sie hält bei

Joyce Bakeshop an, beschafft sich beides, und als sie wieder

im Toyota sitzt, die Tür verriegelt, und den ersten Schluck nimmt,

fühlt sie sich besser. Manhattan Bridge. Sie quert den

East River. Die Fassadenfront der Wolkenkratzer rückt in der ersten

Morgensonne näher. Anna-Lou Shubert fällt ihr ein. Sie war es,

die sie an Stephen Wagoner vermittelt hat oder umgekehrt, Anna-Lou

Shubert, die praktische, tüchtige Einzelhandelsfrau, die an der

New York University Übersetzern German To English beibringt und

das Bewusstsein für Übersetzungskatastrophen auch mal

anhand der Vorgaben für einen Rauchmelder schärft. „Bewahren

Sie amerikanische Beipackzettel auf, wenn Sie deutsche

Gebrauchsanweisungen und Werbung korrekt übersetzen wollen,

benutzen sie sie als Hilfestellung. Heben Sie die Instruktionen

auf, die Sie mit Ihrem Rauchmelder bekommen, sie könnten Ihnen

nützlich sein!” Es ist auf dem Campus hinter dem Washington

Square, wo sie eines Tages zu Rike Mohaupt sagt: „Ich hab da

vielleicht was für Sie.” Sind das die Worte gewesen, mit

denen Anna-Lou Shubert nach der Stunde sie anspricht? „Die Gebrauchsanweisung für einen Rauchmelder?“ fragt Rike,

und Fabio Calvani, die Klasse verlassend, lacht, aber er dreht sich

nicht um und winkt nicht zum Abschied. Anna-Lou Shubert,

schwarzes Haar, blasser Teint, verzieht keine Miene. „Einen Mann”,

sagt sie. „Weinmarketing.” Sie hat das dicke Buch aufgeschlagen,

das ihre Agenda ist. „Mr. Wagoner.” Sie notiert Namen

und Handynummer auf die Rückseite ihrer Karte, die sie Rike mit

entschlossenem Blick über den Rand ihrer Brille, edles

Büffelhorn, überreicht. Rike hat den Mann angerufen, sie hat ihn

aufgesucht. Er arbeitet, stellt sich heraus, in einem Loft am

Union Square, der Eingang überstellt mit Weinkartons,

beschädigte Displays am Boden, verschmutzte Banderolen.

Bordeaux blanc sec. It’s springtime, it must be Riesling.

Zuhinterst, ein leerer, weisser, hoher Raum, sitzt mit Laptop

und Handy Stephen Wagoner, eine Lucky Strike in der

Hand. „Wieso wollen Sie eine Frau?” fragt Rike Mohaupt, nachdem

er den Auftrag beschrieben hat. „Wein ist doch Männersache.”

Er blickt sie an, und was er sagt, klingt irgendwie verrückt, löst

aber keinen Alarm in ihr aus. „Gerade deshalb”, sagt er.

„Frauen verstehen Männer besser.”


Sie fährt die LaFayette Street hoch. In weissem Slip ein

schwarzes, nacktes, männliches Model brandmauergross für Calvin

Klein. Sie folgt der 9th Street, quert den Broadway.

Müllsackberge neben Baldachinen zweier Wohnresidenzen.

Ein Schulbus. Sie quert den University Place. Ein UPS

Lieferwagen. Sie quert die 5th Avenue, Manhattan, sie biegt in die

Avenue of Americas ein, sie erreicht die 14th Street,

sie sieht einen Parkplatz, verlangsamt und parkt ein, hundert

Meter zu Fuss, denkt sie, das ist okay, sie stellt den Motor

ab, steigt aus, wirft die Tür zu, schliesst den Toyota ab und als

sie sich, Handtasche am Arm, auf den Weg macht, hört sie

Schritte hinter sich und eine Stimme, vertraut und doch aus einer

anderen Welt. „Rike? Rike Mohaupt?” Rike dreht sich um.

Sie sieht die Frau, adrett, rothaarig, sommerpickelig, die hinter

ihr auf dem Bürgersteig geht, hauchdünner gummierter

Regenmantel, lindengrün. Annie Wanamaker, denkt Rike. Wie lange hatte sie Annie Wanamaker nicht gesehen? vier Jahre? sechs?

Schon einmal, denkt Rike, in der Schule, hatte Annie Wanamaker,

das Nachbarmädchen von der Hooper Street, Brooklyn, in ihr

Leben eingegriffen, als sei sie ein Schutzengel, und durchgesetzt,

dass Rike mit ihr ins College gekommen war. „Annie? Annie Wanamaker? Was für eine Überraschung!” Annie Wanamaker lacht

ihr strahlendes Lachen. „Was machst du?” fragt sie. “Was

machst du hier um diese Zeit?” Rike ist zu ihr hingetreten. Sie

sagt: „Ich besuche die Gallery, die Photo Gallery, 14th

Street.” Annie Wanamaker berührt sie an der Schulter an. Ein ungläubiger Blick. „Um diese Zeit?” Rike nickt. „Fabio

Calvani. Er hat die neue Ausstellung gehängt. Libuna. Eine

Photographin aus Prag. Gestern Nacht hat er eine SMS

geschickt. Er will mich nochmal sehen. Er geht nach Berlin.” Annie

Wanamaker tritt vom linken Fuss auf den rechten. „Fabio

Calvani? Der German to English belegt hat? mit dir an der NYU?

Dieser Fabio Calvani?” Sie blickt die 14th Street entlang,

als glaube sie Rike nicht und suche nach der Photo Gallery, dann

sagt sie: „Und du? Du selber? Was machst du? Auch

Gallery Business?” Rike schüttelt den Kopf,  lachend, energisch.

„Ich übersetze. Weinmarketing.” Und, dann: „Sag mal,

machst du noch Hochsprung? Du warst immer so gut in Leichtathletik.

Machst du noch Hochsprung?” Wieder berührt Annie

Wanamaker sie an der Schulter, es ist das schwarze Blouson.

Annie Wanamaker sagt: „Ich hab aufgehört.” Rike sagt:

„Hast du was Neues? ich meine, im Leben?” Annie Wanamaker

wiegt sich in der Hüfte, als nehme sie Anlauf für den

nächsten Hochsprung, dann sagt sie, eher beiläufig: „Bin frisch

geschieden. Seit letzter Woche.” Rike blickt unschlüssig,

ein wenig ratlos. „Du hast immer gesagt, du willst Kinder. Hast

du Kinder?” Annie Wanamaker winkt ab, hebt den Blick

zum Himmel. „Einen Sohn. Eines Morgens ist er am Tisch beim

Frühstück vom Stuhl gefallen. Tot, einfach so.” Rike fasst

nach ihrer Hand, lässt sie aber sofort wieder los. „Und wann? Wann war das?” Annie Wannamaker, rasch, ein betrübter

Augenaufschlag: „Vor zwei Jahren.” Rike seufzt. „Muss schrecklich gewesen sein. Tut mir ja so leid für dich.” Annie Wanamaker

dreht den Kopf. „Es war wie ein Omen.” Rike: „Wir müssen mal

reden miteinander.” Und Annie Wanamaker, eilig, halb

im Aufbruch. „Ja, das müssen wir.” Die zwei Frauen küssen

sich zum Abschied, Annie Wannamaker eilt, als nehme

sie Anlauf für den nächsten Hochsprung, in raschen, ausgreifenden

Schritten davon, Rike erreicht die Photo Gallery, schaltet

ihr Handy aus und steht im grossen hellen Innenraum. Fabio hat

Bartstoppeln. Er greift an die Stirn. Er sieht sie sofort.

Er steigt von der Leiter. Er umarmt sie. Er küsst sie. Er sagt:

„Mein Gott, du hast es geschafft. Du schaffst es immer.

In der Nacht hab ich plötzlich die Idee gehabt mit der SMS.

Jetzt bist du da. Ich bin fertig. Geht’s dir gut? Morgen

fliege ich. Ich habe Zeit.” Sie sieht die Bilder. Sie lacht. Sie sagt:

„Ich bin ganz weg.” Sie sieht Libuna und es ist, als könnte

sie dem Leben selber über die Schulter schauen. Dabei sieht sie

nur über die Schulter von Libunas Tanzpartner und sieht

oder ahnt mehr Libunas Gesicht, das die Schulter halb verdeckt,

ein attraktives Gesicht, eine attraktive Frau. Rike sieht ihre

Hand, die Oberarm und Schulter umfasst, zwei beringte Finger,

Edelsteine, eine Hand, an der die Zeit nicht spurlos

vorbeigegangen ist, von der Plackerei des Alltags einer Mutter

zu schweigen.  „Schau das hier”, sagt Rike. „Einfach

wunderbar.” Fabio lächelt. Sie bedankt sich. Sie küsst ihn.

Sie treten aus der Photo Gallery.


Aus Berlin sind E-Mails gekommen. Fabio hat eine Galerie

aufgemacht. Die Stadt ist, sagt er, eine Brache, hier

muss angebaut werden. Dann passiert etwas. Rike bricht das

Herz tief in Brooklyn. Sie sitzt mit Stephen im Ristorante

La Vedetta, sie sind bei der Nachspeise. Sein Handy klingelt,

er nimmt ab. „Ja.” Pause. „Eine Kiste?” Sie beobachtet

ihn. Er sagt: „Ja, das geht.” Pause. „Kann ich machen.” Ich habe Verbindungen! das ist die Botschaft des Handy, hat sie in der

New York Times mal gelesen, sie hat entschieden widersprochen,

wie sie ihn beobachtet, fällt ihr das wieder ein, auch der

Zusatz: Als der Spiegel erfunden worden ist, hat das zur Verbreitung

der Eitelkeit nicht unerheblich beigetragen. „Mit Plakat,

ja.” Stephen, vornüber gebeugt: „Die Flyer?” Er kratzt sich. „Nein,

morgen geht nicht. Übermorgen?” Dann, zurückgelehnt:

„Nein, mach ich nicht.”  Er lacht. Er klappt das Handy zu. Er steckt

es ein. Er hat Gelati bestellt, drei Kugeln, die allmählich

verlaufen, grün, gelb, weiss, Pistazie, Vanille und – nein, nicht

Yoghurt, das sicher nicht – vielleicht Lucky Strike? Er sieht

sie an. Irgendwie hungrig, denkt sie. Er senkt den Blick, er schwenkt

das Weinglas und feierlich, als halte er um ihre Hand an,

sagt er: „Ich hab dich mit einem Typen gesehen, morgens halb

neun, 14th Street.” Sie versteht erst gar nicht, von was er

redet. Dann erst und wie im Dämmer wird ihr klar, dass er Fabio

meint, die Photo Gallery. Eine Ewigkeit, sechs Wochen,

der Atlantic Ocean, mehr geht nicht dazwischen. Wieso hat Stephen

in der ganzen Zeit nie etwas gesagt? Beobachtet er sie?

Sie springt vom Tisch auf, die weisse Stoffserviette an den Lippen.

„Fabio? Du meinst, ich hab mit ihm geschlafen?” Sie lässt die

Serviette fallen, die im Fruchtsalat landet, den sie nicht angerührt

hat. Er hat ihr eins ausgewischt, sie weiss nicht warum, sie

zittert vor Wut. „Du bist – weisst du, was du bist? Du bist wie der

Wein, den ein Gast in der Nacht zuvor nicht ausgetrunken

hat, fad, abgestanden, sauer.” Wagoner, Stephen Wagoner. Sie

blickt ihn nicht an. Sie geht einfach. Sie geht.


Alle mal herhören! denkt Rike, die NYU und Fabio

Calvani und Anna-Lou Shubert im Ohr. You are leaving

the american sector. German To English, das

ist wie ein Stein, ins All geschleudert, ein Wurf in unendliche

Einsamkeit familiärer Verstrickung, eine Biergartenlaune,

ein Masskrugglück mit german Gemütlichkeit. Buy your tickets 8 $

here for Bier, Wurst, Brezn. Wer weiss schon was

vom Urgrossvater? Nur Rike Mohaupt, 5th Avenue, Brooklyn,

Übersetzerin, die im Ristorante La Vedetta Stephen

Wagoner, Weinmarketing, sitzen lässt und der Paarung mit

ihm sich verweigert. Up Goes the Curtain. Aber es ist

nicht ihr Wiegenlied, was die Guckkastenbühne hergibt, ein

vermintes Gelände, ein Scheinwerferschwenk über

Liebhaber, Mutter und Urgrossvater hinweg, das ist die

Flugbahn der Rike Mohaupt.



                                   Warum trittst du mir so zärtlich

auf den Fuss? Donnerstag, 24. Dezember 1914. Else Mohaupt

hat einen Feldpostbrief bekommen. August Mohaupt

schreibt an seine Ehefrau: Um dreiviertel fünf wurde heute

geweckt. Ich gehöre jetzt zum zweiten Munitionswagen,

nicht mehr zur Bagage, die an jedem Tag nur einige Stunden

bei uns ist, Lebensmittel, Pferdefutter heranbringt, wieder

verschwindet, und die von dem eigentlichen Kriegsschauplatz ganz getrennt ist. Dann, eineinviertel Jahr später, Feldwebel

Mohaupt hat Urlaub, es ist Donnerstag, 23. März 1916, er sitzt

in Uniform mit Else, seiner Ehefrau, im Theater am

Nollendorfplatz, tausend Plätze, Parkett, Erster und Zweiter

Rang, es läuft Immer feste druff!  Sie beugt sich im

Zweiten Rang vor, sie findet Senta Söneland so toll, sie hat

August Mohaupt hergeschleppt, Immer feste druff! hat

sie seit Monaten sehen wollen, und nie hat es geklappt. Die Revue, eine Kriegsoperette, Text Herman Haller und Willi Wolff,

Musik Walter Kollo, ist der Renner, es läuft die fünfhundertfünfzigste Vorstellung. Immer feste druff! verdankt den Erfolg seinen Komödienstars Karl Gessner und Claire Waldoff. Ohne sie, hat

der Dirigent des Abends, Willy Collin, immer gedacht,

wäre das nichts geworden. Aber jetzt singt die Zweitbesetzung.

Oben stehen Richard Senius und Senta Söneland. Und

es funktioniert. Sie ist Minna, die Frau von Max Sliephake, Portier

in der Villa von Professor Ollendorf im Berliner Westen

und bald Feldwebel im Krieg, den sie hinterher Ersten Weltkrieg

nennen werden. „Warum sitzt du denn so traurig auf dem

Banke? Warum trittst du mir so zärtlich auf den Fuss?” singt er.

Und sie, Willy Collin lächelt ihr zu, er gibt Senta Söneland

den Einsatz: „Hörst du nicht, wie uns‘re olle Panke Murmelt uns

den allerletzten Scheidungsgruss?“ Jetzt beide: „Lebewohl,

ick muss jetzt von dir zieh‘n; Bleib mir treu, wenn dirs auch

schwerfällt in Berlin.“ Willy Collin, in drei Monaten wird er vierzig,

steht am Pult, er ist der Kapellmeister, er wohnt mit Ehefrau

Hedwig gleich um die Ecke, Habsburger Strasse 11, Erdgeschoss,

ein Jahr jetzt bald schon, er geht zu Fuss ins Theater.

„Der Soldate, der Soldate Ist der schönste Mann im Staate“,

singt Richard Senius. Und Senta Söneland: „Darum

schwärmen auch die Mädchen sehr Für das liebe, liebe,

liebe Militär.“ Und oben im Zweiten Rang drückt Else

zärtlich die Hand von August Mohaupt, sie blicken sich an und

küssen einander. Er hatte Else, eine geborene Schwielow,

aus der zweiten Etage in dem Haus, wo er Hauswart gewesen war,

kennen gelernt, Else war gerne tanzen gegangen, und

August Mohaupt, Fussballer, linker Verteidiger bei Hertha an der Plumpe, hatte dafür viel Verständnis und einiges Talent an

den Tag gelegt, nach einer der durchtanzten Nächte in Clairchens

Ballhaus war Else schwanger geworden, und zwölf Wochen,

bevor Klein August zur Welt gekommen war, hatten sie im Rathaus

Schöneberg geheiratet, und Mohaupt, der Vater, war auf

den Stammhalter, den die hübsche Else aus der zweiten Etage

ihm geschenkt hatte, nicht wenig stolz gewesen, er sah

in dem Nachfolger mit den strahlenden hellblauen Augen, dem

viel zu grossen Kopf und den emsigen, nach allem und

jedem ausgestreckten Fingerchen augenblicklich die Gelegenheit,

die eigene abgebrochene Berufslehre im Leben seines

Sohnes zurechtzurücken, einen Schlosser mit abgeschlossener

Berufsausbildung hatte der Hauswart sich vorgestellt, als

er das Bündel mit dem frischgewickelten kleinen Pisser erstmals

in den Armen hielt, sein Sohn sollte erreichen, was

er selbst nicht geschafft hatte, aber daraus war nichts geworden,

Klein August starb, bevor er das Schulalter erreichte,

bei einem Sonntagsausflug an die Havelchaussee hatte er leblos

im knietiefen Wasser gelegen, nicht mal ganz drei Jahre

alt, ertrunken in dem Augenblick, als seine kleine Schwester, die

einjährige Paula, schrecklich geheult hatte, nachdem

ein Insekt sie gestochen hatte, vier Wochen später war Waltraud

zur Welt gekommen, die sie Wally genannt hatten, dann

Oskar, und zuletzt Johannes Mohaupt, Rikes Grossvater, der

gelernte Schlosser, der zu seines Vaters Unwillen

zweiundzwanzigjährig nach Michigan ausgewandert war und

Miriam Snyder geheiratet hatte, ihr drittes Kind war

Ireen gewesen, Ireen Mohaupt, Rikes Mutter.


Der Lump tritt aus dem Haus. Es ist Montag, 31. August 1925.

August Mohaupt ist Hauswart und Portier gewesen erst

Am Karlsbad 15, dann Schwäbische Strasse 11. Jeder hat einen

Ehrgeiz, denkt Mohaupt. Er hat sich zum Verwalter

aufgeschwungen, aber es hat nicht geklappt. Jetzt ist er ohne

Stellung. Er ist Statist in Babelsberg. Er hat gehört, sie

suchen einen Hauswart für eine Szene. Er soll den Bürgersteig

kehren. Frühmorgens ist er in Babelsberg. The Blackguard.

Der Lump. So heisst der Film. Eine Schlange. Hundert Bewerber.

Keine Chance, denkt Mohaupt. „Alter?“ fragt Oskar Kowalski,

an dessen Tisch die Schlange endet. „Siebenundvierzig.“ „Was sind

Sie von Beruf?” fragt Kowalski. „Hauswart.” „In Stellung?“

„Jetzt gerade nicht.” „Arbeitszeugnis?” Mohaupt reicht ihm das

Papier. „Was können Sie sonst noch?” „Fussball.” „Wo

das?” „Hertha.” Kowalski sieht ihn an. Dann blickt er auf das

Arbeitszeugnis und reckt den Kopf. „August Mohaupt?”

fragt er. „Sind Sie das?” Mohaupt nickt. „Ist lange her”, sagt er.

„Das mit Hertha.” Zwanzig Jahre, denkt er. Eine Ewigkeit.

„Und sonst?”, fragt Kowalski. „Was haben Sie sonst noch drauf?”

„Schlosser.” „Mit abgeschlossener Lehre?” fragt Kowalski.

„Mit abgebrochener”, sagt Mohaupt. „Berliner?” fragt Kowalski und blickt ihn von schräg unten an. Mohaupt schüttelt den Kopf.

„Ich hatte es zu eilig nach Berlin zu kommen”, sagt er. „Um Gottes willen”, sagt Kowalski. „Von wo?” Mohaupt: „Sachsen-Anhalt.”

Kowalski greift sich ans Kinn und sieht ihn an. „Sie haben ihn”, sagt

er. „Den Job?” fragt Mohaupt. „Nein, den Tunnelblick”, sagt

Kowalski und lacht. „Melden Sie sich da drüben.” Er gibt ihm das

Arbeitszeugnis zurück. Mohaupt wird eingekleidet.

Er bekommt einen Besen. Er wartet. Zwei Mädchen warten

auch. Sie wissen, was gedreht wird. Eine Strassenszene.

Sie kennen das Skriptgirl. Der Beleuchter baut das Licht auf. Der

Kameramann schaut zum Himmel. Der Regisseur ist

nicht zu sehen. Stattdessen tritt nach zwanzig Minuten ein Alfred

Hitchcock, der nicht mal sein Assistent ist, zu den Wartenden.

„Sie müssen heute mit mir – wie sagt man? begnügen?” Jetzt ist

plötzlich auch der Schauspieler da. Der Hauptdarsteller.

Der Lump. „Wollen wir?” sagt Alfred Hitchcock. „Eine schöne

Szene. Niemand weiss etwas. Der Hauswart fegt. Der

Lump tritt aus die Haus. Die Mädchen gehen vorbei. Das ist alles.”

Er ergreift das Megaphon, ruft den zwei Mädchen, die

Mohaupt auf dem Bürgersteig kreuzen sollen, zu: „Lippen lecken.”

Das tun sie. Und dann, sich umdrehend: „Alle bereit?”

Und dann: „Achtung. Kamera läuft.” Mohaupt fegt. Der Lump

tritt aus dem Haus. Die Mädchen gehen vorbei. Hitchcock

ruft: „Schnitt.” Die Szene ist im Film nicht zu sehen. Aber das weiss

Mohaupt nicht. Das weiss auch Hitchcock nicht.



                                   Tage später, Rike Mohaupt putzt

gerade die Zähne, läutet es unten an der Haustür. Wer mag das

sein? Sie fährt zusammen. Es ist elf Uhr nachts. Sie erwartet niemanden um diese Zeit. Ist das Stephen Wagoner? Ein Satz, italienisch dazu, das ist alles, was er in einer E-Mail schickt,

nach dem Zerwürfnis im Ristorante La Vedetta. La vedetta del porto

ha segnalato la veneta galea che a Cipro adduce gli ambasciatori.

Der Hafenwächter hat eine Galeere aus Venedig gesichtet,

mit dem Gesandten für Zypern. Ihr ist nicht wohl, als sie die E-Mail

liest, sie denkt, das ist eine Anspielung, eine verschlüsselte,

das ist keine hilflose Art sich zu entschuldigen. Dann, reflexhaft:

Eifersucht. Löschen. Sie googelt trotzdem. Verdi, Otello,

Dritter Akt Anfang, 163 Treffer, 0,52 Sekunden. Wieder läutet es

unten an der Haustür. Sie macht das Licht aus. Sie rührt sich

nicht. Nach der E-Mail hat sie zehn Tage Ruhe, dann ruft er an.

Er sagt, er hat einen Auftrag für sie. Sie sagt, eine Oper

kann sie nicht übersetzen. Noch nicht. Sie nimmt nicht mehr ab,

wenn sie seine Nummer auf dem Display erkennt. Sie

verliert ihren besten Kunden. Wieder läutet es unten an der

Haustür. Sie tappt im Dunkel zum Schlafzimmerfenster,

von wo sie auf die Strasse sehen kann. Sie hebt den Vorhang.

Sie späht hinunter. Ein fremder Mann, kariertes Hemd,

Basecap. Erschrocken tritt sie vom Fenster zurück. Hat er sie

gesehen? Was will ein fremder Mann von ihr nachts

um elf? Hat sie sich zu sicher gefühlt in ihrer Wohnung im

zweiten Stock? Sie ist letztes Wochenende nach

Mitternacht heimgekommen, sie hat Shorts getragen, ein knappes

Oberteil, sie ist aus der Dusche ins Schlafzimmer gelaufen

ohne Kleider in der Meinung, der Vorhang sei gezogen,

kein Wunder ist ein fremder Mann hinter ihr her. Letzte Woche

ist zwei Blocks entfernt eine Frau vergewaltigt und

ermordet worden. Sie sichert die Fenster, sie entfernt den

Air-Conditioner, sie holt ein Messer, sie schläft unruhig

ein. Am andern Morgen stellt sie fest, dass ihre Brieftasche weg

ist, dann geht ihr ein Licht auf, sie läuft zum Briefkasten

an der Haustür. Da ist sie, die schwarze Lederbrieftasche, ein

wenig zerknautscht, als sei ein Auto drüber gefahren.

Rike öffnet sie. Es ist alles noch da, Bibliotheksausweis, ID,

dreissig Dollar, sie erinnert sich, dreissig Dollar hat sie

in Kim’s Blumenladen gehabt nach Bezahlung der weissen

Tulpen. Nur die Kreditkarte ist entzwei.


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