ABGEREIST
Fritz Hirzel, Rike Mohaupt. Roman. Kapitel II
WENN DU’S BIS DREISSIG NICHT GESCHAFFT HAST,
denkt Rike, schaffst du’s nie. Eigentlich heisst sie Friederike, sie ist geboren und aufgewachsen in Brooklyn, das ist der sperrige, eigensinnige Vorhof der funkelnden oberen Etage Manhattan, in
Brooklyn ist auch ihre Mutter zuhause, Ireen Mohaupt, eine
Photographin, Mitte sechzig, sie lebt in einer in die Jahre
gekommenen Atelierwohnung an der Hooper Street, einer schmalen, verkehrsberuhigten, mit Autos zugeparkten Wohnstrasse, und im frühlingshaften Licht dieses Nachmittags, das von der Seite durch das Fenster auf den Wohnzimmertisch fällt, sagt Rike, eigens dazu hergekommen, zu ihrer Mutter: „Ich hab mich von Stephen Wagoner
getrennt.” Zuerst reagiert Ireen gar nicht, sie öffnet umständlich
die Tür zu ihrer Dunkelkammer, die sie noch immer benutzt,
greift nach dem Autoschlüssel, den sie dort verlegt hat, dreht sich um,
lächelt und fragt: „Hat er eine andere?” Rike wirft den Kopf herum,
nervös, verlegen. Daran hat sie noch gar nicht gedacht.
Stephen Wagoner? Eine andere? Sie weiss, er hat sich an Mutter
herangemacht von Anfang an, er hat sie auf seine
Seite gezogen. Rike sagt: „Nein. Hat er nicht.” Mit Schulter und
Oberarm stemmt Ireen jetzt gegen die Dunkelkammertür,
die seit Jahren klemmt, kehrt ins Wohnzimmer zurück, in der Hand
den wiedergefundenen Autoschlüssel, den sie in die Schale
auf der Kommode fallen lässt. Ireen sagt: „Was ist es dann?” Diese Fragen. Rike reagiert erstaunt, dann ärgerlich. Muss das
sein? Mutter neigt zu einfachen, direkten Erklärungen, schon
immer. Aber Rike hat alles gesagt. Alles, was es zwischen
Tochter und Mutter dazu zu sagen gibt. Sie hat Lust aufzustehen
und einfach zu gehen, rasch zu gehen, obwohl sie doch
gerade erst gekommen ist. Abwehrend sagt Rike: „Es ist – Ich kann nicht mehr. Er frisst mich auf.” Ireen, sprachlos: „Er –” Sie
reisst ab, schweigt betreten. Fällt ihr jetzt nichts mehr ein? Rike
blickt zu Boden. Hat Mutter es sich anders überlegt? Rike
gibt sich einen Ruck, sie sagt, scharf diesmal: „Ja. Er frisst mich auf.”
Sie wischt eine Haarlocke aus dem Gesicht, zärtlich die Geste
der Hand, sie lächelt, dann legt sie nach. „Es ist imgrunde nie etwas
gewesen. Nicht zwischen uns. Nicht wirklich.” Ireen löst sich von
der Kommode, sie fährt mit dem Arm durch das ergraute,
blondgefärbte, kurze Haar, eine hastige Bewegung, Ireen sagt:
„Nimmst du eine Tasse Tee?” Rike will nicht solange bleiben,
sie wehrt ab, und Ireen lässt sich in den Sessel am Fenster fallen,
sie sagt, erschöpft: „Das sind Neuigkeiten.” Rike steht vom
Tisch auf, sie macht einen Schritt Richtung Fenster, zögert, tritt mit
hängenden Armen an den Sessel, Blick auf die augenblicklich
menschenleere Hooper Street, Rike sagt: „Ich werde nach Berlin
gehen. Ich werde als Übersetzerin arbeiten.” Ireen hebt den
Kopf. Sekundenlanges Schweigen. Dann sagt sie: „Berlin? Bist du sicher, dass du da hinwillst?” Mutter, denkt Rike. Erst reagiert
Mutter verblüfft, dann nachdenklich, mit Vorbehalt. Zuletzt sagt Ireen:
„In Berlin hat August Mohaupt gelebt. Dein Urgrossvater. Er ist
Portier gewesen. Portier und Hauswart. Im Bayerischen Viertel. Von
ihm hat es geheissen, er hätte einen gewissen Willy Collin
erschlagen, einen Kapellmeister. Aber das stimmt nicht. August
Mohaupt, dein Urgrossvater, hat Fussball gespielt.” Rike lacht
ein dünnes, abgerissenes Lachen, sie tritt dicht ans Fenster, sie fragt
sich, schliesst das eine das andere aus? Ireen schüttelt den
Kopf, stemmt den Körper aus dem tiefen, abgegrabschten Sessel,
seufzt vernehmlich, stellt sich neben die Tochter, ihr einziges
Kind, ans Fenster, umfasst ihren Arm, ihren Ellbogen. Zuletzt nimmt
Rike die Hand ihrer Mutter, hält sie fest und sagt: „Und wer – wer
ist Willy Collin, dieser – dieser Kapellmeister?” Ireen schüttelt
den Kopf, als hätte sie das alles längst vergessen, Ireen sagt: „Ich weiss es nicht. Es heisst, er hätte bei Humperdinck studiert.
Es heisst, er hätte Wagner dirigiert.” Rike fragt: „Ein Jude?” Ireen
drückt die Hand ihrer Tochter, leise sagt sie: „Wie’s aussieht,
haben erst die Nazis ihn zum Juden gemacht.” Eine seltsame Geschichte, denkt Rike. Und alles solange her. Sie zieht
ihre Hand zurück, die Lippen verzogen, legt Ireen den Arm um
die Schulter und sagt: „Mutter, mach dir um mich keine
Sorgen. Das mit Stephen Wagoner – Das ist einfach nur schief
gelaufen. Glaub mir. Wirklich.”
Schief gelaufen, kann passieren, sich nicht hinterfragen,
Absturz, Neustart, das gibts andauernd, denkt Rike. Dienstagmittag
ist sie in Berlin-Tegel gelandet, unbesorgt. Fabio Calvani,
American abroad, Firmengründer, holt sie am Flughafen ab, er ist
nicht überrascht, denkt sie, er sperrt die Galerie zu, aber
er trägt sie nicht über die Türschwelle, und als er sie nach Hause
bringt, stellt sie fest, es ist in Berlin-Moabit, wo er die Wohnung
hat und ihr einen Teil davon überlässt, Quitzowstrasse 107,
Vorderhaus, viertes OG, ein Wohnzimmer mit Aussicht, Westhafen
im Blick, abgewickelter Güterbahnhof, das wird Teil der Brache
sein, von der er geschrieben hat. Jetzt, es ist Freitagabend, sie steht
am Wohnzimmerfenster, ein grosser Nachthimmel, eine
Maschine im Anflug auf Tegel, sie ist so neu hier, sie denkt, sie
sitzt da selber drin, der Blick aus dem Fenster fremd,
sie ist abgereist, sie ist nicht angekommen. Die Wohnung hat
Morgensonne, für ein Balkonfrühstück ist die Strasse zu
laut, es ist alles, wie sie es sich vorgestellt hat, als sie am Morgen
nach der Ankunft auf dem Balkon steht, der Hauswart fegt,
der Lump tritt aus dem Haus, zwei Mädchen gehen vorbei, nur
dass sie Fabios Stimme im Ohr hat, die ihr zuflüstert: „Das
ist Hans Buhlicke, der Hauswart. Buhlicke, die Plaudertasche.”
Es sind vier grosse, helle, hohe, leere Zimmer, die Fabio,
was ihr entgegenkommt, nicht eingerichtet hat, eigentlich hat Rike
Lust nochmal die Erkundungstour durch die Wohnung zu
machen, aber gleich kommt Vivian vorbei, Vivian Kretschmar,
Galeristin, also geht Rike zu Fabio, der in der Küche steht.
Sein Handy geht, er nimmt ab, er sagt: „Perspective? I don’t know.”
Er lacht. Er hat, denkt sie, immer viel gelacht, aber seit er in
Berlin ist, lacht er noch mehr. „No, no. It’s Brunnenstrasse.” Das ist,
wo seine Galerie ist. „Yes, it’s tough. But we move on.” Er
steckt das Handy weg, er sagt nicht, von wem der Anruf gewesen
ist, er steht am Tisch, in der Hand eine Flasche Bordeaux,
die er mit dem Sackmesser öffnet, er stösst zwei Gläser aneinander,
die er dem Einbauschrank entnommen hat, ein tiefer, voller
Klang, dazu ihr kurzes, helles Lachen, ein schöner Augenblick. sie
ist für Fabio, denkt sie, eine Art Zwilling, auch sie American
abroad, sie hat ihm erzählt, was Mutter über ihren Urgrossvater
gesagt hat, sie hat sich Fabio anvertraut. „Noch ein Nazi?”
Er hat gelacht, und sie hat genickt, als sei’s das Selbstverständlichste
der Welt, sie hat genickt und zu Boden geblickt, sie stellt fest,
es fällt ihr leichter, über August Mohaupt zu reden als über ihren Ex,
den sie einem unwiderstehlichen Impuls folgend so plötzlich
verlassen hat, Stephen Wagoner, dem sie davongelaufen ist nach
seinem Eifersuchtsanfall im Ristorante La Vendetta, sie denkt,
das ist eine Feststellung wert, jetzt, hier in Berlin, wie sie bei Fabio
so in der Küche steht, liegen die Karten auf dem Tisch,
sie ist übergelaufen zum Gegner, ist sie das nicht, übergelaufen
zum Gegner? Sie zwirbelt mit der linken Hand an einer der
blonden Haarlocken, sie blickt Fabio von der Seite an, sie sagt:
„Ich hab mich, weisst du, gefragt, wer ist dieser August
Mohaupt, dieser Portier und Hauswart? Ich weiss, er ist mein
Urgrossvater, sicher, aber – erst hab ich gedacht, es ist
solange her, irgendwie gruftig, und doch –” Sie sieht Fabios Gesicht,
ein skeptischer Blick, sie ist ihrer Sache nicht sicher.
„– sag mal, gibt’s dieses Berlin noch, in dem er gelebt hat? dieses
Bayerische Viertel? diese grossbürgerlichen Berliner
Haushalte, wo er Treppenhaus und Bürgersteig gekehrt hat?
Weisst du, ich hab mich gefragt, was hat es auf sich mit
diesem Hauswart, von dem’s geheissen hat, er hat jemanden
erschlagen?” Fabio schenkt Wein ein. „Erschlagen?” fragt
er verwundert. Rike sagt: „Einen Juden, einen Kapellmeister, einen
Willy Collin.” Fabio fragt: „Und wann soll das gewesen sein?”
Rike wischt die blonde Haarlocke aus dem Gesicht, ein verhuschtes
Lächeln, sie sagt: „Er hat Fussball gespielt. Erschlagen,
das stimmt nicht, sagt Mutter. Er hat ihn nicht erschlagen, diesen
Kapellmeister. Ein Gerücht. Eine Verleumdung. Das alles.”
Wieder fragt Fabio: „Und wann soll das gewesen sein?” Rike steht
hinter dem Küchentisch, die Schultern gezuckt. „Irgendwann.
Ich weiss nicht. Naziterror. Zweiter Weltkrieg. Was weiss ich.” Sie ist
angekommen, denkt Rike, sie hat die Zweifel derer, die
angekommen sind. Und Fabio? fragt sie sich, als sie sieht, wie
er das Sackmesser zuklappt. Nervt sie ihn? Arbeit musst
du in Berlin nicht suchen, hat sie ihn heute Morgen scherzen hören,
Fabio, den Firmengründer, für den sie jetzt in der Galerie
arbeitet. Sie denkt, sie ist geworden. was sie nicht hat werden
wollen, eine unausgelastete Übersetzerin. Sie hat Zeit sich
zu fragen, was ist dran an dem, was Mutter erzählt? Sie schwingt aus
der Hüfte, wie Annie Wanamaker aus der Hüfte geschwungen
hat, aber sie nimmt, denkt Rike, nicht Anlauf für einen Hochsprung,
sie wirft einen Schatten auf den leeren weissen Küchentisch,
sie wirbelt die Gene durcheinander, die Mohaupt-Gene, denkt sie,
sie zaudert, sie sagt: „Alles so gruftig. Alles so vor 911.
Eigentlich will ich da gar nicht hin.” Fabio hebt das gefüllte Weinglas,
als sei das für ihn das Stichwort, er schwenkt es, Rike hat
gedacht, das tut nur Stephen Wagoner, sie hat sich getäuscht,
Fabio riecht sogar daran, er sagt: „Weisst du was? Dieses
Berlin, in dem er gelebt hat –” Sie hebt den Blick, ihre Augen treffen
sich eine Sekunde. „– dies gibt es alles nicht mehr.” Sie
schweigt, sie blickt zu Boden. Er sagt: „Alle reden von dieser Stadt,
die es nicht mehr gibt.“ Sie, schnell: „Ich nicht.“ Er: „Sondern?“
Sie, einfach mal so hingeworfen: „Familiengeschichte. Spurenanalyse. DNA.” Sie ist selbst erstaunt, sie hat das einfach mal so
hingeworfen, als seis ihre eigene und nicht die Botschaft, mit der
The DNA Ancestry Project an Grufties appelliert. Suche
deine Wurzeln. Grabe nach deinen Vorfahren. Entdecke deine
Familiengeschichte. Werde Teil der Geschichte. Sie hat das
einfach mal so ausprobiert, Familiengeschichte. Spurenanalyse. DNA,
als seis eine Zahlenreihe im Lotto. Aber, denkt sie, es tönt
nicht schlecht, es hört sich plausibel an. Sie sieht Fabios Gesicht,
ein amüsierter Blick, sie sagt: „Keiner glaubt mir.” Er sagt:
„DNA? Und Urgross–” Fabio sagts, als rede er vom Knochenfund
eines ausgestorbenen Rinds. „–Urgrossvater? Ist etwas
weit hergeholt, findest du nicht?”” Sie zögert, sie sagt: “Ich habs
mir überlegt. Zwei Generationen, das ist der Kampf. Drei
Generationen, das ist die Versöhnung. Aber vier Generationen,
das ist das, was unter der Haut läuft, in den Genen.”
Er reicht ihr das gefüllte Glas, er sagt: „Was unter der Haut läuft?
Du meinst subkutan?” Er lacht. „Na! Also dann, willkommen
in Berlin, da bist du ja hier genau richtig, in der Ruine des
Übermenschen.” Es läutet an der Haustür unten, er entnimmt
dem Einbauschrank ein drittes Glas, er hält es prüfend
ins Küchenlicht, er sagt: „Das ist Vivian. Lässt du sie rein?” Rike
betätigt den Türöffner, aber Vivian, Ende dreissig, kurzes,
kräftiges, schwarzes Haar, leuchtende grüne Augen, bläuliche
Lippen, Zeichnungsmappe unterm Arm, steht bereits vor
der Wohnungstür. „Ich hoffe, ich störe nicht”, sagt sie. „Ich hab
was mitgebracht.” Sie küsst Rike auf Anhieb, sie küsst auch
Fabio, sie stehen in der Küche, Fabio reicht Vivian das dritte Glas,
sie stossen an, er sagt, mit feierlicher Grimasse: „Auf alles,
was kommt.” Es ist dieser Toast, denkt Rike später, weswegen
sie Erkundungen anzustellen, Skizzen anzufertigen sich
vorgenommen, es ist dieser Zwiespalt, weswegen sie Spuren
nachzugehen sich entschlossen hat, Spuren von denen sie nicht
weiss, was ihr Ergebnis sein wird, der von Mutter bestrittene
Totschlag des Kapellmeisters durch den Hauswart
oder der Rempler eines Fussballgotts.
Schöne Beine hat sie. Es ist
Mittwoch, 12. August 1936. In einer halben Stunde findet im
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda,
Wilhelmplatz 8/9, die tägliche Pressekonferenz statt, aber Hans
Hinkel ist damit nicht befasst. „Der Präsident der
Reichskulturkammer –”, diktiert er in seinem Büro. „Haben
Sie das?” Fräulein Erna Blum nickt und lächelt unsicher,
denn sie ist der Meinung, Präsident der Reichskulturkammer ist
Minister Goebbels. „– an Herrn Wilhelm Cohn (gen. Collin):
Auf Ihre Beschwerde –” Hinkel, ein Papier in der Hand, hat beide
Namen buchstabiert, Klammer und Doppelpunkt benannt,
die Abkürzung vorgegeben und etwas über Juden unter falschem
Namen gezischt, was Fräulein Blum nicht ganz verstanden
hat. Sie ist die neue Sekretärin, sie tippt in die Schreibmaschine.
„Auf Ihre Beschwerde vom 25. August 1935 und den
ergänzenden Bericht vom 3. September 1935 teile ich Ihnen mit,
dass ich mich nach Prüfung –” Schöne Beine hat sie, denkt
Hinkel, legt das Papier ab und geht um Fräulein Blum
herum in der Hoffnung noch mehr Bein zu sehen. „– nach Prüfung
Ihrer Eingabe nicht veranlasst sehe, den gegen Sie verfügten Ausschluss aus der Reichsmusikkammer zurückzuziehen. Zwecks weiterer Berufsausübung verweise ich Sie an den Reichsverband
der jüdischen Kulturbünde, Berlin SW. 19, Stallschreiberstr. 44. Im Auftrag gez. Hinkel.“ Er wird ein langer Tag werden, der
heutige Mittwoch, ein aufreibender, klärender, erneut Massstäbe setzender Tag. „Geben Sie her.” Hinkel unterschreibt. In
Berlin sind Olympische Spiele. Hinkel muss früh weg. Das Konzert!
Im Olympiastadion ist Handball-Endrunde, 15 Uhr
Österreich–Ungarn, 16.20 Uhr Deutschland–Schweiz, 20 Uhr
Baseball-Vorführung und Konzert. Hinkel hat Gäste.
Ein Hauswart lebt von Trinkgeld. August Mohaupt ist längst
wieder in Stellung, Haberlandstrasse 7, als Hauswart und
Portier. Er hat die 20er Jahre hier mitgemacht. Grossbürgerlich-jüdische Adresse. Die neue Zeit, von der die Nazis reden?
Vergiss es, denkt Mohaupt. Es ist Freitag, 5. Oktober 1938. Er steht
Parterre am Fenster und blickt hinaus. Ein Mann geht vorbei.
Ein Hund. Ein Kind. Er ist, glaubt Mohaupt, auf Augenhöhe mit der
Strasse. Er hat die Fahne gehisst, als sie mit Blaskapelle
und Eintopf die Strasse umbenannt haben. Die Nazis? Er verachtet
sie, glaubt er. Aber zahlt sich das aus? Er dreht die rechte
Hand. Ein Hauswart lebt von Trinkgeld, nicht von Mieterwechsel.
Er hat sie alle überlebt. Die Herrschaften, die vor Jahren,
als er die Stelle angetreten hatte, hier Mieter gewesen waren.
Daniel, der Bankier? Freund, der Fabrikant? Sie sind weg.
Und Grün und Kallmann und Rahmer? Jeder ist hier Kaufmann
gewesen, mindestens. Und Dr. Klee, der Kammergerichtsrat,
der Universitätsprofessor? Die Witwe Oberhaupt? Von Reuther, der
Legationsrat? Sie sind alle weg. Mohaupt sieht, wie der Hund
zurückgelaufen kommt und das Kind ihm hinterher. Nur er, denkt
Mohaupt, ist noch hier, und ballt die rechte Hand. Er, der
Hauswart im Erdgeschoss, und Schmitz im vierten OG, Schmitz,
der Senatspräsident a. D. Es läutet. Mohaupt geht zur
Wohnungstür. Im Treppenhaus steht eine Frau mit leuchtenden
Augen. Eine solche Begeisterung, denkt Mohaupt. Er fragt:
„Wie sind Sie überhaupt ins Haus gekommen?” “Von Fürich hat
mir aufgetan.” Sie ersucht um Spenden für die Winterhilfe.
Mohaupt sagt: „Wir haben nichts. Wir haben alles schon gegeben,
was wir entbehren können.” Die Frau sagt: „Wir nehmen
auch Geldspenden.” Mohaupt gibt ihr eine Kleinigkeit. Die Frau
bedankt sich und sagt: „Bald gehört uns die ganze Welt.
Vergessen Sie das nicht.” Er gibt ihr noch eine Kleinigkeit, räuspert
sich und schliesst die Wohnungstür. Von Fürich ist der
neue Mieter. „Hier! Meine Karte”, hat er bei seinem Einzug gesagt.
Als Mohaupt einen Blick drauf wirft, ist er angewidert.
Bruno von Fürich, Reichsbankbeamter, Nördlinger Strasse,
Berlin-Schöneberg, Telefon usw. Haberlandstrasse!
denkt Mohaupt. Sechs Wochen später haben die Nazis die Strasse
umbenannt. Haberland ist der Gründer und Entwickler des
Viertels. Die Nazis tilgen den Namen. Er ist jüdisch.
Es sind die letzten Tage der
Ausstellung Libuna, die Fabio Calvani aus der Photo Gallery, 14th
Street, Manhattan, übernommen hat. Zur Vernissage in der
Berliner Galerie, die er in hellen, hohen Räumen eines renovierten
Altbaus an der Brunnenstrasse eröffnet, hatte er die Photographin
eingeladen, und sie war zusammen mit Libuna aus Prag
angereist, Fabio hatte die zwei Frauen am Ostbahnhof abgeholt
und im Hotel Bogota an der Schlüterstrasse einquartiert,
einem Gründerzeitgebäude, in dessen obersten zwei Etagen Yva,
die Photographin und Lehrmeisterin von Helmut Newton,
Atelier und Wohnung und in dessen zweiter Etage Hans Hinkel
im Jahr, als sie Yva in Majdanek ermordet hatten,
mit Einzug der Reichskulturkammer sein Büro gehabt hatte.
Es läutet, als Fabio an diesem Mittag die Galerie
aufsperrt und Rike Mohaupt einlässt, gerade das Telefon,
und da er mit Bildern, die Vivian Kretschmar am
Samstagabend an die Quitzowstrasse gebracht hatte, beladen ist,
nimmt Rike ab, indem sie sagt: „Carter & Domori. Ich bin
Rike Mohaupt. Was kann ich für Sie tun?” Und Fabio ist so verblüfft,
dass er gleich sagt: „Wow! Kannst du das immer so machen?”
Später, es ist Oktober geworden, ein Tag, der rasch eindunkelt,
ein Mittwoch, Rike steht, Telefon am Ohr, Quitzowstrasse 107,
Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf Westhafen, Bahnareal,
Lagerhallen, Containerfrachter, langsam durchquert ein S-Bahn-Zug
mit Licht die Brache im Halbdunkel. Ist das die Ringbahn?
Rike denkt, sie weiss zu wenig. Am Telefon ist Ireen Mohaupt, ihre
Mutter. Sie ist in der Brooklyn Public Library gewesen,
sie hat Bücher zurückgebracht, eine junge Frau hat die Bücher
durchgesehen, plötzlich niest sie laut und heftig, ihre
Kolleginnen und Ireen drehen sich erschrocken um. Hat sie die
Schweinegrippe? fragt sich Ireen, schliesslich sagt sie:
„Gesundheit”, die Bibliotheksangestellte sagt: „Ich glaub, ich bin
allergisch auf die staubigen, alten Dinger. Das ist der Grund,
warum ich nie Bücher lese. Nie!” Rike weiss nicht, warum Ireen in
Brooklyn das in aller Ausführlichkeit erzählt, und Ireen, ihre
Mutter, weiss es auch nicht, eigentlich will sie etwas anderes sagen,
sie hat ein Photoportrait in einer Hand, stemmt Kopf und
Oberkörper aus dem tiefen, abgegrabschten Sessel in
die Mittagsonne, die durch das Fenster der Atelierwohnung
an der Hooper Street dringt, in der andern das Telephon,
drahtlos, drauf hat ihre Tochter beim Kauf geachtet. Die staubigen,
alten Dinger! Rike lacht stumm, lässt den Blick Richtung
Anflug auf Tegel wandern und verzieht den Mund. Plötzlich fragt
Ireen: „Du schreibst über den Mann?” „Den Mann? Wen
meinst du?” fragt Rike, die ihrer Mutter am Telephon die Skizzen
vorgelesen hat. Und Ireen sagt: „Den Kapellmeister. Gehört
er nicht, ich meine – gehört er nicht auf die Seite der Opfer, aber
dein Urgrossvater, August Mohaupt, das hab ich dir gesagt,
ist kein Täter. Er hat den Kapellmeister nicht erschlagen.” Rike sagt:
„Ich hab keine Ahnung, wer August Mohaupt ist. Aber wenn
ich Glück hab, finde ich’s vielleicht heraus.” Ireen sagt: „Glück
brauchst du in der Liebe, nicht im Herausfinden. Und was ist das?
das mit dem Brief? ist das erfunden?” Rike sagt: „Nein. Der
Brief, der ist echt. Den gibt es.” Echt, denkt Rike. Schöne Beine
hat sie, die Echtheit. Eigentlich hat Rike zuerst gedacht,
Germany nutzt 1936 für eine Imagekampagne, eigentlich hat Rike
zuerst gedacht, wenigstens für die Tage der Olympischen
Spiele stoppt Germany kurzfristig die Judenverfolgung, eigentlich
hat Rike zuerst gedacht, Germany hat einen
Reichspropagandaminister, und dem ist die Reichskulturkammer
doch unterstellt, eigentlich hat Rike zuerst gedacht,
Germany nutzt die internationale Öffentlichkeit, die sich in Berlin
trifft, und hofiert die Auslandpresse, aber dann hat Rike
die Briefkopie in der Hand gehalten und festgestellt, Germany
betreibt zwar window dressing für die Gäste aus dem
Ausland, aber im selben Augenblick schliesst der Geschäftsführer
der Reichskulturkammer ohne Wimperzucken Willy Collin
aus der Reichsmusikkammer aus, was für den Kapellmeister
gleichbedeutend ist mit Berufsverbot, und keinen der
internationalen Gäste in Germany – keinen scheint sowas irgendwie
interessiert zu haben. „Es ist alles solange her”, sagt Ireen,
ihre Mutter, die jetzt, wie Rike sich vorstellt, am Fenster steht und
auf die leere Hooper Street hinausblickt. Es ist alles solange
her. Aber, denkt Rike, gehört der Satz nicht in den Rollentext der
Tochter? Plötzlich, beinahe hätte sie das Wichtigste
vergessen, sagt Ireen: „Ach, was ich sagen wollte – ich hab
das Bild gefunden, das Portrait mit August Mohaupt,
es ist, denke ich, vielleicht von 1925.” Seltsam, denkt Rike. Sie
kann sich nicht erinnern, so ein Bild in der Kindheit gezeigt
bekommen zu haben. Ireen sagt: „Ich schicke es dir. Der Hauswart
und Portier! Er sieht drauf wirklich gut aus, weisst du, mit
Schnurrbart und jung für sein Alter und keck und alles, dabei –”
Ireen lacht. „– er geht da wohl schon auf die fünfzig zu.”
Jung. Und keck. Und alles. Rike fragt sich. was ist das, was
in Mutters Stimme auf einmal mitschwingt? ist das Stolz?
ist das Glaube? ist das Zuversicht? ist das Vertrauen? Vertrauen
in den Lauf der Dinge? „Bist du noch da?” fragt Ireen,
ihre Mutter, geschieden, allein erziehend, ihr Ex war Pilot gewesen
und nach einem Unfall Magaziner bei der Air Force,
und sie, die gegen den Vietnamkrieg gewesen war, war mit
Dick Greenaway von einem Luftwaffenstützpunkt
zum andern gezogen, bis sie irgendwann genug gehabt hatte.