Rike Mohaupt   weiter   zurück



DER BESUCHER



               Fritz Hirzel, Rike Mohaupt. Roman. Kapitel IV


SIE HAT SIE MITGENOMMEN, DIE FRÜHLINGSGEFÜHLE

und die Erinnerung an den Augenblick des Einvernehmens

mit Fabio am Sonntag im Mai, an die Sonnenschutzmilch, Garnier Ambre Solaire, UVsensitive, die auf der Gesichthaut haftete,

an die Verheissung des Miteinanders, die in den Liegestühlen der

Strandbar an der Spree zu spüren war, an die Süsse des

Fruchtsafts, den Mix mit Mango, durch den Strohhalm eingezogen,

an die Erfüllung des Glücks, das ihr zu Füssen lag, an den

Duft der Blüten  im Spatzengezirpe, im Taumel des Verliebtseins,

an den Geschmack der ruhenden, sommerwarmen, von

Zuversicht, ja Fröhlichkeit getragenen Stimmung, an den Blick auf

das Wasser im Fluss, den Karussellbetrieb der Ausflugsschifffahrt,

an das Versprechen, das im Kapital des Vertrauens lag, auf

der unausgesprochenen, geschenkten, beiderseitigen Erwartung.

So, denkt Rike Mohaupt, könnte es bleiben, so könnte

es immerzu bleiben, ein Leben lang vielleicht, eine ganze

Weile zumindest noch. Das Telefon läutet. Sie nimmt

ab. „Carter & Domori. Ich bin Rike Mohaupt. Was kann ich für Sie

tun?” Aber dieses Mal ist es nur Vivian, die benachbarte

Galeristin, die in Eile anruft, Vivian Kretschmar, die am Mittag

vorbeigekommen war. Hat sie den USB-Stick bei ihr liegen lassen?

Nein, hat sie nicht, sagt Rike, und als sie aufgelegt hat, blickt

sie durchs Schaufenster der Galerie hinaus auf die Brunnenstrasse,

auf der eine Art von Leben vorüberzieht, das nicht das ihre ist,

sie lacht angepickst und denkt, sie ist der Fisch, der im Aquarium

blubbert, ja, das ist sie, der Fisch, der im Aquarium blubbert,

ungläubig, stumm, fremd, sie macht sich lang und reckt

den Oberkörper, es ist kurz nach sechs, das sieht sie am Bildschirm, sie schaltet den Rechner aus, sie steht auf, sie ist in diesen

Tagen in der Galerie allein, Fabio Calvani ist nach NYC geflogen.

Sie steckt ihre Sachen in die Handtasche, tippt den

Sicherheitscode ein, schliesst die Galerie ab und tritt auf die

Strasse. Es ist ein sommerlicher Mittwochabend, die

Cafés auf der Brunnenstrasse sind voller Leute, dabei hat gerade

erst der Frühling begonnen. Sie späht mit zusammengekniffenen

Augen in die Sonne, die immer noch herunterbrennt, sie fasst

die Handtasche enger. Sie sieht den Bus die Brunnenstrasse

hochkommen, Bus 247 Richtung Nordbahnhof, sie beschleunigt den

Schritt, die Vordertür springt auf, ein Punk, Nasenring,

kahlrasierter Kopf, steigt aus, die Tür fällt zu. Verpasst! Der Bus

fährt an, ihr Blick fällt auf den Mittelstreifen, den begrünten,

und auf die Strassenseite gegenüber, wo hinter einem im Schatten

der Häuser geparkten weissen Opel ein Mann steht. Ist das

Stephen Wagoner? Er hat sie im Visier. Sie hat den Bus verpasst,

verdammt. Er sieht sie an. Sie ist exponiert, denkt sie. Nackt

kommt sie sich vor. Sie dreht ab. Sie spürt seinen Blick im Rücken.

Ganz heiss hat sie bekommen. Sie eilt die Brunnenstrasse

hoch, sie kippt im raschen Schritt, sie weicht einem herrenlosen

Boxerhund aus, der ihr in die Beine läuft. Ist Stephen Wagoner

in Berlin? Verfolgt er sie? Sie streift mit ängstlichem Blick

die Passanten, sehr zahlreich sind sie nicht. Sie wendet sich

brüsk zurück, im Rücken den Fernsehturm am Alex wie

eine Drohkeule, wie Gullivers Keule, denkt sie. Hat Gulliver eine

Keule geschwungen? Aldi Markt. Sportwetten. Automatencasino

Vulkan Stern. Schlecker. Berlin illustrated. Vive la Crise!

Sie atmet heftig. Kaiser’s Verbraucher Markt. Gewerberäume

zu vermieten. Die Mutter der Kunstgalerie ist die unvermietbare

Ladenfläche. Zehngeschossiger Wohnungsbau. Vindirect.

Wein aus Frankreich. Blumenladen. Sträusse zu jeder Gelegenheit.

Restaurant Dalmacija. Apotheke. Fahrschule. Sunpoint. Sie

knickt ein, sie läuft hinter dem Pavilloncafé Pasan durch, über die

Demminer Strasse, hinab in den U-Bahnhof Voltastrasse. Sie

ahnt den eingefahrenen Zug, erreicht treppab den Bahnsteig, der

sie absinthfarben, denkt sie, umfängt. „Zug nach Hermannstrasse!”

tönt der Lautsprecher. „Zurückbleiben bitte!” Sie springt ins

Wageninnere, die Türen schlagen zu. Sie fährt, was nicht normal

ist, mit der U8 Richtung Alex, aber der Zug fährt nicht, die

Türen öffnen wieder, Leute steigen zu, immer mehr Leute. Sie fährt,

wenn sie die Ringbahn nimmt, auf dem Weg nach Moabit

drei Haltestellen, bis Gesundbrunnen mit der U8, bis Westhafen mit

der S41 oder 42, und schon ist sie zurück in der Wohnung

an der Quitzowstrasse, drei Haltestellen, die Kurzstrecke, aber

dann fällt ihr ein, dass die S-Bahn zur Zeit gar nicht fährt

oder, proppenvoll, im Schwitzbad, alle zwanzig Minuten ein Zug.

Endlich, ein Ruck, der Zug fährt an und hält im Tunnel gleich

wieder. Sie ist auf der Flucht. Es geht ihr zu langsam. Endlich rollt

der Zug, fährt in die Bernauer Strasse, crèmefarben, ein, in den

Rosenthaler Platz, orangegelb, in die Weinmeisterstrasse, mattblau,

in den Alexanderplatz, blaugrün. Sie springt, als die Türen

zuschlagen, aus dem Wagen, verliert sich in den Trauben der

Passanten, eilt durch das Gewirr der Umsteigeplattformen,

erreicht die U2 Richtung Ruhleben, springt Stadtmitte, als die Türen

zuschlagen, aus dem Wagen, durchläuft die Passage zur U6,

zweihundert Schritte, der Fuss tut ihr weh, der Schuh drückt. Eine

Passage? Es ist ein Kanal! Wenigstens riecht er nicht

nach Stephen Wagoner. Du bist wie der Wein, hat sie im Ristorante

La Vedetta zu ihm gesagt, da ist sie mutig gewesen, hat sich

erhoben, ist aufgestanden. Du bist wie der Wein, den ein Gast in der

Nacht zuvor nicht ausgetrunken hat, fad, abgestanden, sauer.

Aber im Augenblick ist er für sie mehr als das, er ist Gift. Auf keinen

Fall will sie ihn sehen. Sie durcheilt den Kanal. Sie weiss nicht,

was sie tut. Immer eilt sie, immer eilt sie davon. Sie rennt einen ihr

im Weg stehenden, schlanken, jungen Russen fast um, sie

erreicht die U6 Richtung Alt-Tegel, springt Bahnhof Friedrichstrasse,

als die Türen zuschlagen, aus dem Wagen, drängt gegen

den Menschenstrom treppauf zur S-Bahn, erreicht die S7 Richtung

Potsdam, springt Bahnhof Zoo, als die Türen zuschlagen,

aus dem Wagen, erreicht die U9 Richtung Osloer Strasse, und

springt Birkenstrasse, als die Türen zuschlagen, aus dem

Wagen. Sie glaubt ihn abgeschüttelt zu haben, sie glaubt es, sie

duckt sich auf der Plattform weg, bis der Zug abgefahren

und der Bahnsteig menschenleer ist, sie nimmt den Schuh in die

Hand, sie eilt den Treppenausgang hoch, sie zieht den Schuh

an und blickt, als sie auf der Birkenstrasse steht, sich ängstlich um. Stephen Wagoner? Sie hat ihn abgeschüttelt, ihr Fuss

schmerzt, und als sie zuhause anlangt, steht da der Hauswart,

er wischt den Vorplatz, er hebt den Kopf, ihr fällt ein, sie hat

sich nicht vorgestellt, sie sagt „Ich bin Rike Mohaupt”, der Hauswart

sagt „Angenehm!”, sie steigt die Treppe hoch, sie glaubt, sie

schnappt über, sie hat Durst, sie ist so aufgeregt, und als sie im

Wohnzimmer steht, die 1,5-Liter-Flasche in der Hand, die sie

aus dem Kühlschrank geholt hat, kann sie nicht trinken, sie zittert,

sie blickt aus dem Fenster, Quitzowstrasse, Westhafen,

abgewickelter Güterbahnhof, ein sommerlicher Abendhimmel,

nichts bewegt sich, nichts, sie hebt das Mineralwasser

zum Mund, will trinken, verschüttet, wischt den Mund ab mit der

Hand. La vedetta del porto ha segnalato la veneta galea

che a Cipro adduce gli ambasciatori. Das hat er geschrieben,

als sie ihn verlassen hat. Stephen Wagoner. Ihr Ex. Der

Hafenwächter hat eine Galeere aus Venedig gesichtet, mit dem Gesandten für Zypern. Das Telefon läutet, sie fährt

zusammen, aber er ist es nicht, das sieht sie auf dem Display,

es ist Fabio Calvani, er ruft aus NYC an, sie weiss, sie hat

sechs Stunden Vorsprung. „Hast du Besucher gehabt?” fragt er.

Sie sagt: „Zwei Herren.” Er fragt: „Zwei Herren?” Sie hört es,

denkt sie. Sie hört es, wenn er denkt. Sie sagt: „Zwei Herren aus Mülheim. Und Vivian war am Mittag kurz da und hat am

Abend nochmal angerufen.” Sie macht eine Pause. „Und dann,

als ich wegging, sah ich auf der Strassenseite gegenüber

einen Mann, der wartete – Stephen Wagoner, dachte ich gleich.”

Fabio sagt: „Aber – aber sicher bist du nicht?” Sie sagt:

„Nein, sicher –” Sie schluckt. Sie stellt die Wasserflasche ab.

„– sicher bin ich nicht. Ich hab ihn eine Sekunde gesehen.

Ich glaub, es war diese Haltung, diese Weinverkosterhaltung,

er stand da wie Stephen Wagoner bei einer Degustation,

mit dieser Geniessermiene.” Fabio lacht. Er sagt: „Na, ich kann ja –

ich kann ja mal nachsehen, ob er nicht am Union Square

in seinem Loft am Arbeiten ist.” Sie sagt: „Lach nicht. Ich bin erschrocken. Ich hab auf dem Nachhauseweg ein

Dutzend Mal die U-Bahn gewechselt.”



                                   Kommt er mit Stern oder ohne?

Es ist Dienstagabend, 2. Januar 1940. Das ist geschafft, denkt

August Mohaupt. Er ahnt nicht, dass der mühsamere Teil

ihm noch bevorsteht. Er unterschätzt das. Der mühsamere Teil ist

von Fürich. Und der unangenehmere. Noch hat Mohaupt Zeit,

aber die Zeit läuft ihm davon. Er hat, befürchtet er, von Fürich jetzt

jeden Tag am Bein, ein Klotz, eine Fussfessel. „Es muss rasch

gehen, ohne Aufheben. Niemand darf das mitbekommen, verstehen

Sie? Niemand!” sagt von Fürich, ehe Mohaupt den Bruch macht,

den Einbruch Habsburger Strasse 11. Am Abend drauf, von Fürich

läutet an der Wohnungstür, öffnet Else, Mohaupts Ehefrau.

Sie darf nichts erfahren. Mohaupt steht sofort in der Wohnungstür.

„Haben Sie das Ding?” fragt von Fürich. „Wo haben Sie das

Ding?” Von Fürich, nein! Mohaupt will ihn nicht in der Wohnung

und nicht im Hausflur im Parterre, er nimmt ihn mit in die

Werkstatt, die er im Keller eingerichtet hat, und bereut

es augenblicklich. Von Fürich ist das erste Mal hier. „Nein, wirklich”,

sagt er. „Haben Sie es schön hier! Ich ertrage es fast nicht.

Diese Freiheit!” Er spinnt, denkt Mohaupt. Er versorgt einen Hammer,

der auf der Hobelbank liegen geblieben ist. Ein Hauswart

verschlauft sich, das weiss doch jeder. Von Fürich, an

die Hobelbank gelehnt. sagt. „Und? Wo haben Sie das Ding?” 

Mohaupt: „Ich hab das Ding nicht. Collin hat es. Er will

viertausend.” Von Fürich: „Vier? Wir sagten drei.” Mohaupt: „Er hat gesagt, er will viertausend.” Von Fürich wackelt der Kopf.

„Übergeschnappt, wa?” Jetzt bellt er auch noch, denkt Mohaupt.

Er sagt: „Sie glauben, mir ist das angenehm? Ich steh in

seiner Wohnung, hab das Ding in der Hand, und will gerade gehen,

da kommt er durch die Tür herein.” Von Fürich greift

zum Kopf. Er sagt: „So ein Schlamassel.” Mohaupt denkt, redet er

jetzt auch noch Jiddisch? Schlamassel, Unglück. Massel,

Glück. Das weiss Mohaupt aus seiner Zeit bei Hertha. Er war

linker Verteidiger. Da stand er manchmal tief hinten drin.

Er macht eine abwehrende Handbewegung. Er sagt: „Ich mache hier

die Arbeit –” Von Fürich: „Ach, jetzt halten Sie mal die Luft

an.” Mohaupt: „– ja, die Drecksarbeit.” Von Fürich: „Dreitausend Reichsmark! Damit das klar ist –” Mohaupt: „– aber wissen

Sie, was mir langsam auf den Wecker geht? Ich höre immer nur

Geburtstag.”


Anderntags spricht von Fürich bei der Reichsbank vor.

Nach einigen Einwänden bekommt er zwei Tage später von

seinem Vorgesetzten den Segen. Am Abend betritt er,

Ledermappe, Schal, Gabardine-Mantel, die Werkstatt im Keller,

bestgelaunt. „Viertausend. Einverstanden.” Er lacht, reicht

Mohaupt die Hand, will ihn knaufen. Mohaupt weicht aus. Er

rechnet. Viertausend Reichsmark abzüglich eintausend

Reichsmark Maklergebühr, die er für sich einsetzt, ergibt

dreitausend Reichsmark, zu siebzig-dreissig mit Collin geteilt,

ergibt für Collin zweitausendeinhundert Reichsmark,

ergibt  für ihn neunhundert Reichsmark, zu denen seine

Maklergebühr hinzukommt, eintausend Reichsmark,

ergibt zusammen für ihn eintausendneunhundert Reichsmark,

sodass er mit Collin fast halbe-halbe macht. Von Fürich

nimmt die Brille ab, wischt mit dem Schal über Augen und Stirn,

an die Hobelbank gelehnt, auf die er Mappe gestellt hat.

„Und wie wollen Sie das abwickeln?” fragt er. „Wir sind drei”, sagt Mohaupt. „Der Verkäufer. Der Vermittler. Der Käufer. Wir

brauchen einen Ort, der als Treffpunkt möglich ist für jeden von

uns drei.” Von Fürich reisst den Mantel auf, wirft die Mappe

um und überfährt Mohaupt mit bellender Stimme: „Ich will den

Juden nicht dabei haben. Das ist deutsche Musik, von

einem deutschen Tonkünstler.” Mohaupt ergreift den Hammer,

den er Anfang Woche zum Werkzeug an die Wand gehängt

hat, und wiegt ihn in der Hand. „Die Frage ist, wo soll sie stattfinden –

die Übergabe? Bei Ihnen?” „In der Reichsbank? Übergeschnappt,

wa!” Entsetzter Blick. Von Fürich zuckt das Auge. Er nimmt

die Brille ab, wischt mit der Hand über die Stirn. Dabei – das ist

kein Vorschlag, den Mohaupt ernst meint. Die Reichsbank

befindet sich an der Jägerstrasse, die kommt schon deshalb nicht

in Frage, weil Collin keinen Passierschein hat. Der

Polizeipräsident hat einen Judenbann angeordnet, der für die

Wilhelmstrasse (von der Leipziger Strasse bis Unten den

Linden inklusive Wilhelmsplatz), die Vossstrasse (von Hermann

Göring Strasse bis Wilhelmstrasse) und das Reichsehrenmal

mit der Strasse Unter den Linden (von Universität bis Zeughaus) gilt.

„Überhaupt, der Ankauf –” Von Fürich hält die Brille über den

Augen ins Licht, behaucht sie pustend, reibt das Glas ab und setzt

sie wieder auf. „– der Ankauf...” Er hustet. „Das wird schriftlich festgehalten. Der Jude unterschreibt. Deutsches Recht, deutsche

Musik, deutsche Reichsmark, das muss in das Papier hinein.”

Strenger Blick, plötzlich Nachsicht. “Wissen Sie, das Wort Geld, ich nehm’s – es geht um den Geburtstag des Führers, verstehen

Sie – ich nehm’s nicht in den Mund, das Wort Geld, es ist zu jüdisch,

es ist zu feilscherhaft, wa!” Er lacht, greift mit der Hand nach

Mohaupt, will ihn knaufen, erfolglos. „Und was den Ort der Übergabe

angeht, so tun Sie nicht so unbeholfen. Lassen Sie sich was

einfallen, was passendes.” „Ich habe aber Sie gefragt.” „Bestellen

Sie einen Tisch im Femina. Wir werden das begiessen. Heil

Hitler!” „Geht nicht. Tanzpaläste sind judenfrei.” Von Fürich zuckt

das Auge. Hat er vergessen, dass Juden aufgrund der in

Kraft gesetzten Polizeiverordnung der Besuch aller Theater, Kinos,

Kabaretts, öffentlicher Konzert- und Vortragsräume, Museen,

Rummelplätze (inklusive Eisbahnen), öffentlicher und

privater Badeanstalten und Hallenbäder (inklusive Freibäder),

der Ausstellungshallen am Messedamm (inklusive

Ausstellungsgelände und Funkturm), der Deutschlandhalle, des Sportpalastes und des Reichssportfeldes verboten ist? Er

überlegt. „Ich hab’s”, sagt er. „Und?” fragt Mohaupt. Von Fürich sagt:

„Der Engel auf der Siegessäule! Ich will hinauf – in den

Engelskopf hinauf.” „Die Goldelse? Nun werden Sie aber feierlich.”

Die Nazis haben die Siegessäule versetzt, sie hat vor dem

Reichstag gestanden, die Nazis haben sie an den Grossen Stern

verschoben, eigens dazu? Mohaupt graust. Hundert

Treppenstufen nach oben. Und überhaupt, wozu das alles, wegen

der Aussicht? Im Reichstag wird nicht mehr getagt. Germania

ist erst in Planung. Germania! Der Kuppelbau. Hunderttausend

Volksgenossen und eine Knallcharge, die ruft: Hier ist er –

der Kapellmeister von Immer feste druff! Hunderttausend jubeln

Willy Collin zu. Nein, den Gefallen wird er von Fürich nicht

tun, den Gefallen ihm eins überzuziehen, denkt Mohaupt und hängt

den Hammer wieder an die Wand. Er sagt: „Die Siegessäule

kommt nicht in Frage.” „Wieso nicht?” „Juden dürfen Denkmäler

nicht betreten.” „Dann gehen wir halt ins Europahaus.”

„Juden dürfen Gaststätten nicht betreten.” „Sie wollen mich doch

nur wieder demoralisieren.” „Das einfachste ist, wir gehen

in seine Wohnung.” „In seine Wohnung?” „Collin, Habsburger

Strasse 11, Parterre.” Von Fürich springt von der Hobelbank

auf, die Mappe fällt zu Boden. „Hamburger Strasse, das hat mir

gerade noch gefehlt!” „Habsburger! Ich sagte Habsburger

Strasse 11.” „Ich betrete diese Wohnung nicht, ehe sie

nicht judenfrei gemacht ist.” Und, ein Seufzer, jovial plötzlich:

„Dafür gibt’s doch die KL. Warum bin ich da nicht früher

drauf gekommen. Ein KL! Sie verstehen, was ich meine? Ein KL!

Das ist das Passendste für einen Juden. Das ist es doch.

Wir brauchen ihn nur zu verschicken.” „Und zeitlich? passt das?

bis zum Geburtstag?” Von Fürich, kleinlaut: „Nein. Das

reicht nicht.” Er dreht den Kopf, greift wieder nach Mohaupt,

erfolglos, lacht. „Sie wissen, was KL heisst? Kaufe

Lingeriewaren! Hahaha.” KL heisst Konzentrationslager. Es zuckt

Mohaupt in den Fingern. Von Fürich am Hals packen,

zudrücken! Er hat noch immer eine starke Hand. Er hat noch

immer kräftige Arme. Er flüstert: „Jetzt reichts aber!”

Von Fürich zieht den Mantel aus, hebt die Mappe auf, die zu Boden

gefallen ist, entledigt sich der Krawatte, wischt mit dem Schal

über Stirn und Kopf. Er atmet schwer. „Wo also?” fragt

Mohaupt. „Ich habs”, sagt von Fürich. „Das ist es, das macht Sinn.

Das Theater am Nollendorfplatz.” „Juden dürfen Theater

nicht betreten.” Drauf von Fürich, rasch: „Zoo? Bahnhof Zoo?

Zoo-Palast? Nein –” Er sagt es selbst. „Juden dürfen

Lichtspielhäuser nicht betreten.” Mohaupt öffnet die Fensterluke

einen Spalt breit. „Aber –” sagt er. „– wie sieht das aus, wenn

wir in die letzte Instanz gehen?” “Am Alex? Zu verdächtig. Aber –”

Von Fürich dreht den Kopf, fährt den Zeigefinger aus.

„– warum nicht? warum nicht eine Synagoge? Fasanenstrasse,

Prinzregentenstrasse, Pestalozzistrasse? Nur, weil die

Synagogen – Das heisst noch lange nicht – nur, weil sie geschlossen

sind...” „Abgefackelt.” „Ich meine – nachts sieht uns doch

keiner.” „Juden dürfen nach achtzehn Uhr ihre Wohnung nicht

verlassen.” Aber was sie auch erwägen, stets bestätigt sich,

es ist in der Stadt bei all den Schikanen und Vorschriften darüber,

was Juden nicht dürfen, nicht so leicht, einen Ort zu finden,

an dem sie Collin treffen können. Auf einmal sagt von Fürich: „Ja, verdammt, wo lebt der Jude denn in dieser Stadt?” „Das haben

Sie gesagt.” „Ich habe gar nichts gesagt.” „Nein, Sie erschweren mir

nur andauernd die Aufgabe.” Das war lange fällig, denkt

Mohaupt. Das musste mal gesagt werden. Von Fürich stösst ihn

vor den Kopf, seit er in der Haberlandstrasse eingezogen ist

und ihm die Karte mit dem neuen Strassennamen überreicht hat, Nördlinger Strasse! Wo ist denn so etwas! Nördlingen! und,

um Gottes willen, was soll das sein! Er sagt: „Wissen Sie was! Sie

erschweren mir nur andauernd die Aufgabe, und das zum

selben Preis.” Von Fürich niest, nimmt den Schal hoch, wischt ab.

„Der Preis steht fest. Wir haben uns geeinigt. Wir wollen das

nicht in Frage stellen. Wir könnten sonst andere Saiten aufziehen.

Und, ach, übrigens – Ich glaube nicht, dass Sie in ihrem Leben 

je einmal so eine Stange Geld aufs Mal gesehen haben, mein Lieber.”

Von Fürich ist ein Scheusal, denkt Mohaupt. Oder ist es die

Wirklichkeit? ist sie das Scheusal geworden für Juden? Von Fürich

sagt: „Lassen Sie sich etwas einfallen.” Mohaupt winkt ab.

„Das wird heute nichts mehr.” Von Fürich: „Es wird doch möglich

sein in der Reichshauptstadt einen öffentlichen Ort für diese

Übergabe zu finden.” Mohaupt: „Machen wir morgen weiter.” Von

Fürich: „Heil Hitler.”


Immer feste druff! Von Fürich hat das Glas erhoben, er stösst

mit Mohaupt an. Er hat einen Pfälzer Wein mitgebracht, sie sitzen auf

Stühlen in der Werkstatt. „Auf das Geburtstagsgeschenk!” Er

drückt die Augen zusammen. Er trinkt. „Es soll eine Überraschung

sein, das Geburtstagsgeschenk für den Führer. Geheim.

Vertraulich. Das bleibt unter uns. Aber –” Er sitzt vorgebeugt,

mit erhobenem Finger. „– ich weiss, alle suchen in diesen

Tagen nach ‘nem Geschenk, aber wir –” Er schnalzt. “– wir haben

das Geschenk. Das ist die Überraschung für den Führer.” 

Er trinkt, wischt den Mund ab. „Na also, ich hab es immer gewusst,

von Anfang an! Auf die Partitur von Immer feste druff! Das

ist keine Blindbuchung. Das ist eine Neubewertung!” Er trinkt aus,

stellt das Glas auf die Hobelbank, holt eine Cigarre hervor,

will sie anzünden. „Nicht Rauchen”, sagt Mohaupt. „Aber – wieso

nicht? Ist doch gemütlich.” „Else. Meine Frau”, sagt Mohaupt.

Innerlich lacht er. Er trinkt aus. Er sagt: „Da riecht sie gleich, dass

da was läuft da unten.” Von Fürich, diesen Abend, ihrem

dritten im Keller, im Anzug erschienen, steckt enttäuscht die

Cigarre weg. Er sagt: „Wenn Sie keinen Vorschlag haben,

ich habe einen –” „Da bin ich aber gespannt.” Von Fürich überhört

das. Er schwenkt überzeugt den Wein, hebt das Glas,

trinkt. „In der Kantine der Staatsoper.” „Wenn Sie wollen, dass

er davon erfährt, brauchen Sie nur dorthin zu gehen.”

„Er?” „Sicher nicht Gott. Hitler natürlich”, sagt Mohaupt. „Aber –”

Und, nach einer Pause, nachdenklich: „Von der Jägerstrasse

bis zum Alexanderplatz, das schaffen Sie doch – es gibt da einen

U-Bahn-Tunnel, der nicht benutzt wird, nicht weit vom

Alexanderplatz.” Von Fürich: „Zu gefährlich. Ich riskiere ja mein

Leben.” Mohaupt, als hätte er drauf gewartet, entgegnet:

„Dann bleibt nur die Schwimmhalle.” Von Fürich: „Schwimmhalle? Da

dürfen Juden nicht rein.” Mohaupt wieder: „Die Schwimmhalle

an der Finckensteinallee.” Von Fürich, perplex: „Ausgerechnet.” Und Mohaupt, fast gelassen jetzt: „Wissen Sie was. Mir ist das

zu blöd. Ich kenne den Schwimmmeister persönlich. Ich hab ihn

gefragt. Und er hat nichts dagegen.” Von Fürich schenkt

nach. Er lallt. Er sagt: „Werden Sie nicht frech, Volksgenosse.

Werden Sie nicht wie der Jude frech.“ Mohaupt sagt: „Die

Frage ist nur, wie soll er da hinkommen? zu Fuss?” Von Fürich: „Der

Mann erfriert! Warum nimmt er nicht die Strassenbahn?”

Mohaupt: „Für Juden verboten.” Von Fürich ist beschwipst. „Ein Kraftfahrer muss ihn holen.” Mohaupt: „Ein Polizeiwagen?”

Von Fürich: „Sicher nicht.” Mohaupt: „Aber – wie kommt er? kommt

er mit Stern oder ohne?” Von Fürich: „Auf keinen Fall mit

Stern, da denkt ja jeder, wir kaufen vom Juden.” Die Flasche

ist leer. Mohaupt, erleichtert: „Er benutzt öffentliche

Verkehrsmittel. Er kommt ohne Stern. Er hat gesagt, er hat Übung.

Er hat gesagt, er beginnt jeweils gleich von der Grösse

deutscher Musik zu reden, von Wagner, Beethoven, Bruckner.

Er hat gesagt, das tut er so überzeugend, dass sie

Abstand nehmen vom Anfangsverdacht.”


Die Schwimmhalle an der Finckensteinallee, zu den

Olympischen Spielen 1936 erbaut, ist gross, das Becken, fünfzig

Meter lang, fünfundzwanzig breit, zwischen zweizwanzig

und fast fünf Meter tief, fasst fünftausend Kubikmeter Wasser,

das sind fünf Millionen Liter geheiztes Wasser, seid

umschlungen, Millionen, die Lüftung hat die Firma Junkers erstellt,

und heisse Luft der Dampfheizung schlägt von Fürich

entgegen, als er die Tür zum Bad aufstösst. Heisse Luft, denkt er.

Nichts als heisse Luft. Augenblicklich beschlägt seine

Brille, er nimmt den Schal, reibt die Gläser immer wieder ab,

vergeblich, und verflucht Mohaupt für die Idee den Juden

hier zu treffen. Eine Blondine, prächtige Brüste, straffe Schenkel,

entsteigt dem Wasser, ein Hüne, muskulöser Oberkörper,

Scham rasiert, folgt, beide nackt. Er läuft erregt, alles nach ihr

ausgestreckt, nicht nur die Hände, Richtung Umkleide,

in der sie, helles Kichern, geschwungener Hintern, verschwindet.

Im Schlepptau des Schwimmmeisters betritt Mohaupt die

Schwimmhalle. „Wo bleibt er?” fragt von Fürich. „Keine Ahnung”,

antwortet Mohaupt. Er grinst, Schultern gezuckt.

„Montag ist Tag der deutschen Körperkultur”, sagt der

Schwimmmeister, blickt von Fürich, der im Mantel dasteht,

in seinem Gabardine-Mantel, mit Schal, mit Ledermappe,

grimmig an und lacht. „Junger Mann, Sie müssen

alles ablegen.”


Sie stehen an der Habsburger Strasse, es ist eiskalt,

kriegsverdunkelt, menschenleer. „Ich warte draussen”, sagt von

Fürich. „Ich komme nicht mit hinein.” Er hebt den Blick mit

einem Fluch zum Himmel. Er zieht an der Cigarre, die er an der

Ecke angezündet hat. Eine Viertel, eine halbe, drei Viertel,

eine Stunde haben sie gewartet. Die Schwimmhalle! Er friert. Er

hätte ein Bad nehmen sollen! Mohaupt sagt: „Kein Problem.” 

Von Fürich zählt viertausend Reichsmark in Hunderterscheinen

vor ihm aus. „Ich bin gleich zurück”, sagt Mohaupt, steckt

das Geld ein und verschwindet im Haus Nummer 11. Er läutet.

Er hört Schritte. „Wer ist es?” fragt jemand. Eine weibliche

Stimme. „Mohaupt“, antwortet er. „Das Geburtstagsgeschenk.”

Es ist Hedwig Collin, die Ehefrau. Sie öffnet. Und Willy

Collin, der Kapellmeister? Er sitzt am Tisch, blättert in Immer feste druff! Hedwig legt den Arm um seine Schulter. Du gehst mir

da nicht hin! hat sie gesagt. Er klappt die Partitur zu, Mohaupt zählt

zweitausendeinhundert Reichsmark vor ihm aus. „Wie gesagt”,

sagt Collin. „Ich hab auch Lohengrin.” Mohaupt verlässt das Haus.

Dabei, denkt er, es ist erst Vorabend, es ist erst Januar,

der Krieg hat erst begonnen.



                                   Rike Mohaupt durchwandert das

Wohnzimmer. Bekommt Sie die Periode? Sucht sie etwas?  Hat sie

nicht etwas verloren? Sie fegt einen Stadtplan beiseite, der

auf dem Sofa liegen geblieben ist, sie nimmt nicht auf dem Sofa

Platz. Sie denkt, Berlin ist nicht die Stadt, in der Stephen

Wagoner mal einfach so auftaucht. Nicht ihr Ex. Dafür ist er zu

konservativ. Und Berlin zu verrückt. Sie bleibt am Fenster

stehen. Dabei, denkt sie. Er verfolgt sie. Hier, in der Wohnung.

Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Dabei, sie weiss, sie kann

ihn aussperren. Sie weiss, sie kann es. Sie hat es schon mal getan.

Sie hat ihn verlassen. Sie hat ihn aus ihrem Leben gelöscht.

Ppppt. Sie erschrickt. Der Knall, was ist das? und von wo? aus der

Küche? Es ist die Flasche, denkt sie. Die 1,5-Liter-Flasche.

Sie hat ausgebuchtet. Sie hat die Flasche im Wohnzimmer

herumgetragen. Sie hat nicht getrunken. Sie hat nicht gegessen.

Zuletzt hat sie die Flasche auf den Küchentisch gestellt.

Der Flaschengeist, denkt sie. Der Flaschengeist ist Stephen

Wagoner. Kann sein, sie ist verrückt. Er quält sie. Er ist

nicht in der Stadt. Er quält sie im Kopf. Er hat sich ihrer bemächtigt.

Er ist zurückgekommen. Dabei, sie weiss, sie kann ihn

aussperren. Sie weiss, sie kann es, aber sie weiss nicht wie.

Dabei, warum nicht ein Berlin-Trip für Stephen Wagoner.

Berlin setzt auf Tourismus, Berlin will Las Vegas werden, das hat

– wer hat das gesagt? das hat ein Kunde gesagt, der in der

Galerie stand heute, das hat einer der zwei Herren aus

Mülheim gesagt. Ein amerikanischer PR-Guru ist eingeflogen

worden. „Wir haben drei Opernhäuser”, sagen die

Berlin-Vermarkter, aber der amerikanische PR-Guru ziert sich.

„Mhm, Oper! Das ist etwas schwierig. Oper kann ich nicht

jedem vermitteln.” Und dann, nach einer Pause: „Was ist denn

mit der Mauer?” Drauf die Berlin-Vermarkter, düpiert:

„Ja, die haben wir jetzt abgerissen.” Aber auch das vergisst Rike

augenblicklich, sie denkt, was ist, wenn Stephen Wagoner

in Berlin ist, er selber? Um diese Frage dreht sich alles, dreht sich

alles in ihrem Kopf. Ob sie heiss hat, ob sie kalt hat, sie

wird diesen Gedanken nicht los. Sie ist beunruhigt, aber hat sie

dazu nicht allen Grund? Sie ist spät zu Bett gegangen,

sie ist lange nicht eingeschlafen, jetzt ist sie wieder hellwach.

Es ist zwei Uhr nachts. Sie denkt, in NYC ist jetzt acht

Uhr abends. Sie ruft Fabio Calvani an. Sie fragt: „Bist du am Union Square gewesen, im Loft bei Stephen Wagoner?” Er sagt:

„Nein. Ich hab Steamboat geschickt.” Sie denkt, Steamboat? Sie

kennt keinen Steamboat. Sie hört den Namen das erste Mal.

Sie fragt: „Wer ist Steamboat?” Fabio zögert. Er sagt: „Ein

Kunsthändler, ein Kunsthändler aus Queens. Er ist gerade hier.

Er ist gerade erst gekommen. Er war bei Stephen Wagoner.

Er hat mit ihm gesprochen. Er hat ihm, weisst du, er hat ihm etwas

vorgeschlagen, etwas Richtung Art and Wine, und Wagoner

schien nicht abgeneigt.” Sie ist aufgestanden. Sie tritt auf

die Türschwelle zum Wohnzimmer, sie tritt vorsichtig ein, sie hat

kein Licht gemacht. Sie wandert durch das Wohnzimmer.

Bekommt Sie die Periode? Sucht sie etwas? Hat sie nicht etwas

verloren? Sie bleibt am Fenster stehen. Plötzlich glaubt sie,

Stephen Wagoner steht neben ihr, er fasst sie um die Schulter. Sie

schüttelt ihn ab. Sie greift an die Stirn. Wahnsinn. Sie steht

im Dunkel am Fenster. Sie sagt: „Und ich – ich hab also geträumt!

Ich hab geträumt von Stephen Wagoner. Am helllichten Tag,

auf offener Strasse!” Fabio sagt: „Ich liebe dich.” Sie glaubt, sie hat

Fabio leibhaftig am Ohr, sie glaubt, er hat sie gerade geküsst,

sie sagt: „Ich liebe dich auch.” Sie ist gerührt. Sie wendet sich vom

Fenster ab. Sie wischt eine Träne aus dem Gesicht. Sie

wandert durch das Wohnzimmer. Sie denkt, das hat nichts mit

Fabio zu tun. Und jetzt das! Sie weiss, sie ist zerfahren.

Sie weiss, sie ist beunruhigt, erregt, verängstigt. Sie denkt, sie ist

zerfahren, seit sie aus der Galerie getreten ist. Sie denkt,

sie ist beunruhigt, seit sie Stephen Wagoner zu sehen geglaubt hat.

Aber da ist auf einmal dieser Verdacht. Sie lacht. Dieser

Anfangsverdacht. Warum hat Fabio nie etwas gesagt? Hat er etwas

mit Steamboat? Warum hat Fabio nicht gesagt, er trifft

in NYC Steamboat? Warum hat er ihr das vor der Abreise nicht

gesagt? Sie glaubt, Fabio betrügt sie. Sie glaubt, er fickt

Steamboat. Sie glaubt, das ist die Wahrheit hinter Stephen Wagoner

und allem, was sie in den letzten Stunden verfolgt hat.

Lächerlich, was sie sich eingebildet hat. Lächerlich. Sie spürt

die beiden Füsse, auf denen sie steht. Sie ist barfuss.

Sie schüttelt den Kopf. Sie hört, wie Fabio sagt: „Jedenfalls, das

weisst du jetzt – das mit Stephen Wagoner, das ist nichts.

Du kannst dich schlafen legen. Es gibt keinen Grund

zur Beunruhigung, hörst du, es gibt keinen –” Soll das ein Witz

sein? Das stimmt nicht, denkt sie. Das stimmt alles nicht.

Er lässt sie sitzen, er ist in NYC, er hat Steamboat. Er fickt ihn.

Und sie? sie macht ihm die Galerie, sie schiebt in Berlin

die Kugel. Das ist ein schlechter Witz, das ist ein verdammt

schlechter Witz, es ist zwei Uhr nachts, und sie – ja, sie

sitzt allein hier, sie sitzt in Moabit und kann nicht schlafen. Sie

nimmt das Telefon in die andere Hand, sie sagt: „Nein,

warte. Nur eine Sekunde.” Sie geht um das Sofa herum, sie will

nicht anstossen, nicht mit dem Fuss, nicht mit dem Knie,

nicht mit der Hüfte, nicht mit der Zehe. Der Parkettboden. Er sollte

geschliffen werden, aber der Vermieter lässt nichts von

sich hören. Nur so eine Idee. Auch so ein Anfangsverdacht.

Sie tritt ans Fenster. Sie blickt auf die Strasse hinunter.

Stephen Wagoner! Sie tritt augenblicklich zurück. Hat er sie

gesehen? Sie sagt ins Telefon: „Bist du noch da?”

Erschrocken, drei Sekunden später: „Ich glaubs nicht.” Er hat sie

gesehen. Er steht unten. Stephen Wagoner. Ihr verlassener

Mann. Der Hafenwächter. Sie ist nicht allein. Sie fickt Stephen

Wagoner. Ihren Ex. Er ist draussen. Er harrt aus. Ihr bester

Kunde. Und sie? Sie wartet nicht auf ihn. Sie steht nicht unten, auf

der Strasse. Sie spricht ihn nicht an, wie wär’s mit uns zwei?

Sie sagt zu Fabio: „Ich bin nicht allein.” Fabio versteht nicht. „Ist etwas?” Rike, der Ton ist bitter: „Nein. Nur Stephen.” Fabio,

lautlos: „Was!” Rike, vehement: „Er steht unten. Er ist da.” Fabio

versteht noch immer nicht. „Das ist unmöglich.” Und Rike,

freie Hand an der Stirn: „Ich hab’s gewusst. Ich hab’s die ganze

Zeit gewusst. Ich hab mich nicht getäuscht.” Rike denkt,

gleich läutet er unten, im selben Augenblick läutet Stephen

Wagoner an der Haustür. Rike fährt zusammen. Sie sagt

ins Telefon: „Er läutet.” Fabio sagt: „Was will er? Hier einziehen?”

Rike fasst mit der freien Hand ins Haar. Sie sagt: „Er läutet.

Er will rein.” Und Fabio: „Jetzt? mitten in der Nacht? He’s really

crazy. Ich weiss nicht, was der Mann will.” Stephen Wagoner

läutet erneut an der Haustür. Schärfer diesmal. Rike sagt zu Fabio:

„Oh, doch. Ich weiss, was er will. Er will mich.” Drauf folgt

ein Tusch, und so läutet Stephen Wagoner erneut an der Haustür.

Lange. Eindringlich. Fabio: „Ich hör ihn. jetzt hör ich ihn.

Stephen Wagoner ist verrückt. Was will er?” Rike sagt: „Er will rein.

Ficken.” Jetzt hüstelt Fabio. „Er bringt dich um.” Rike steigert

sich. „It’s tough, but we move on. Das sagst du sonst doch immer,

verdammt. It’s tough, but we move on. Soll ich runtergehen?

mit ihm reden? ihn reinlassen?” Fabio, abwehrend: „Du bleibst, wo

du bist. Du machst die Tür nicht auf.” Rike dreht sich langsam

um. Sie blickt zur Tür. Nichts rührt sich. Dabei – Stephen Wagoner

hat aufgegeben, denkt sie. Kein Läuten mehr. Nichts. Aber

sie – nicht Stephen Wagoner, der’s verdient hat – sie hat kalte

Füsse bekommen. Sie tritt vom einen auf den andern.

Stephen Wagoner. Fabio Calvani. Sie hat im Umgang mit ihren

Männern kalte Füsse bekommen. Einer will sie fressen. Der

andere – und wenn es anders ist? sie stutzt. Wenn es die andere

Front ist, die wackelt? Der andere tröstet – und betrügt sie

gerade. Rike sagt, heiter, aufgedreht: „Hast du nicht gesagt, es gibt

keinen Grund zur Beunruhigung? Das ist die Sicherheit, ich

sehe. Nichts ist trügerischer als die Sicherheit. Und überhaupt, sag

mal, Art and Wine, was ist das, was soll das sein?” Fabio,

tiefe Stimme, nachdenklich: “Art and Wine? Du meinst,

was Steamboat angeboten hat –” Ein Fake, denkt Rike. Art and

Wine ist ein Fake. Und sie wird damit reingelegt. Sie hat

genug gehört. Sie sagt: „Er ist – er ist ein Kunsthändler aus Queens,

hast du gesagt?” Fabio, genervt: „Steamboat? Es ist Steamboat

gewesen, der die Ausstellung mit der Photographin aus Prag

vermittelt hat. Libuna. Du erinnerst dich vielleicht.” Rike bejaht. Und

ob sie sich erinnert. Die Spur des Lebens. Am Bildnis einer

Frau. Libuna. Ändert das nicht alles? Libuna. Das ist der

Ausgangspunkt ihrer Liebe zu Fabio. Rike sagt: „Steamboat also.

Vielleicht ist er gar nicht dort gewesen. Am Union Square,

im Loft.” Fabio lacht. Er sagt: „Steamboat? Glaub ich nicht. Ist nicht

seine Art. Er sagt, er war dort.” Aber Rike ist nicht befriedigt,

noch nicht. „Vielleicht – Stephen Wagoner hat einen Bruder. Kann

ja sein, Steamboat hat mit dem Bruder gesprochen?” Fabio

gibt sich nicht mal Mühe, sein Desinteresse zu verbergen.

„Steamboat? Keine Ahnung.” Aber Rike, die wach ist wie nie, gibt

nicht auf. „Hör mal. Dieser Name, Wie kommt Steamboat

zu diesem Namen?” Fabio lenkt ein. „Hat er von mir. Nur ich nenn

ihn so. Als ich Steamboat vor zwei Jahren kennenlernte, das

war auf einem Ausflugsdampfer auf dem Mississippi, dachte ich

gleich an Buster Keaton, an den Film Steamboat Bill Jr.

Geblieben ist davon Steamboat. Aber – weisst du, auf Steamboat

ist Verlass.” Und Rike, die Stimme auffahrend: „Verlass?

Das kannst du nennen, wie du willst. Aber da unten ist Moabit, Quitzowstrasse. Und unten steht Stephen Wagoner.”

Dann hat Fabio einen Einfall. „Hör mal, kannst du nochmal aus

dem Fenster schauen, nur kurz?” Rike sagt: „Eine Sekunde.”

Rike tritt ans Fenster. Sie blickt auf die Strasse. Stephen Wagoner

ist weg. Rike sagt zu Fabio: „Er ist – er ist weg.” Aber Fabio

ist da eher skeptisch. „Wart’s ab, vielleicht hält er sich nur warm, vielleicht läuft er nur um den Block herum.” Rike blickt nochmal durch

das Fenster. Der Asphalt, der Baum, die Strassenlampe.

Stephen Wagoner ist weg. Rike sagt: „Er ist weg.” Fabio, der dem

Frieden nicht trauen scheint, sagt: „Und wenn Stephen

Wagoner im Haus ist? Und wenn er im Treppenhaus ist?” Ein

teuflischer Gedanke. Aber Rike ist ganz plötzlich ganz

mutig geworden. Sie sagt: „Bleibst du mal dran.” Sie geht an die

Wohnungstür. Sie späht durch den Spion. Niemand. Sie

schliesst die Tür auf. Shorts, Top, kurzarm, Baumwoll-Jersey, die Farbe, die sie jetzt grey melanche nennen. Das ist alles, was

sie anhat. Sie öffnet, das Telefon am Ohr. Sie tritt barfuss hinaus,

sie berührt das Geländer. Das Treppenhaus leer. Sie geht

zurück. Sie zieht die Tür zu. Sie schliesst ab. Sie sagt: „Er ist – er ist weg.” Und Fabio sagt: „Ein Spuk.” Rike zuckt die Schultern.

Sie sagt: „Der Flaschengeist. Nur echt. Ja, der Flaschengeist. Das

ist Stephen Wagoner. Er ist mein Spuk, mein Mineralwasser.”

Fabio sagt: „Bis morgen?” Und Rike, erleichtert: „Ja. Bis morgen.”

Und Fabio sagt noch: „Falls er nochmal auftaucht, rufst du an,

egal wann.” Rike hat kalt. Die Hände. Die Füsse. Sie ist müde. Sie

sagt: „Ja, ich ruf dich an.” Fabio, nochmal: „Alles ist gut.”

Und Rike: „Ich hab dir den Abend verdorben.” Und Fabio wieder:

„Nein. Hast du nicht. Schlaf gut.” Das heisst, denkt Rike,

Steamboat bleibt über Nacht. „Bis morgen”, sagt sie. Anderntags,

sie ist spät dran, bemerkt sie, als sie aus dem Haus tritt,

das angelehnte Briefkastenfach, bemerkt die Plastiktüte mit dem

handgemachten Siebdruck-T-Shirt Berlin Illustrated Vive la

Crise! und bemerkt, wie etwas ihr zwischen die Füsse flattert. Ein

Flyer. Drauf die Notiz: I am here. It’s late. Stephen.


Rike Mohaupt   weiter   zurück