WIE MAN DAS HEUTE MACHT
Fritz Hirzel, Aufmerksamkeit, Anfang 2011
Ein aberwitziger Zufall hat ihn darauf gestossen.
In seinem Alter! Gerade hat er, nachdem er zehn Jahre lang
ohne Arbeit geblieben war, erstmals die Rente
bekommen. Er hatte zum Jahreswechsel Neujahrsgrüsse
verschickt. Er hatte sich gesagt, es ist das letzte Mal.
Ihm ist die Hand fast abgefallen. Er hat zwischen
Weihnachten und Neujahr an vierundzwanzig Empfänger Briefe geschrieben und mit ausgeklügelter, sauber ausgedruckter,
zweiseitiger Beilage zusammen in Umschläge gesteckt,
die er ebenfalls von Hand beschriftet hat.
Er ist sich fremd vorgekommen. Die Oldies in der
Warteschlange auf der Post. Warten Sie, bis Ihre Nummer
aufgerufen wird! Ein Neujahrsgruss, hat er gedacht.
Ein Lebenszeichen. Ein Pausenzeichen. Er erwartet nichts.
Die Resonanz ist geringer ausgefallen als im Vorjahr.
Tage später hat der aberwitzige Zufall ihn darauf gestossen,
wie man das heute macht. Er hat einen Witz mit zwei Männern im
Wirtshaus gesehen. Einer schleckt seinen Teller aus. Der
Kellner sagt: Sie arbeiten noch dran, Sir? Er schickt eine E-Mail mit
dem Witz an die von ihm getrennt lebende Lebensgefährtin.
Der Witz, erfährt er am Telefon, ist nicht angekommen.
Nachforschungen ergeben, dass die E-Mail durch den aberwitzigen
Zufall an einen früheren Kollegen gelangt ist. Er entschuldigt
sich. Sein Fehler. Er ist in der Eile einer automatisch
vorgeschlagenen Adresskomplettierung gefolgt.
Wie man das heute macht, Oldie! Schmeisse erstens
alle aus dem Verteiler, die noch immer online nicht zu erreichen
sind und sich womöglich darauf noch was einbilden.
Hole zweitens im Lesesaal der Universitätsbibliothek die letzte
verfügbare Nummer des New Yorker.
Drücke drittens über irgendeinem Witz auf die
Digitalkamera und bediene drauf die Lieben mit Ergebnis und
Gelaber. Daneben. Schräg. Intim. Schockierend. Authentisch. Das
ist der zeitgemässe Neujahrsgruss. Schlampig. Effizient.
Durchschlagend. Er ist überzeugt.
Eine Regelverletzung. Die schafft Verwirrung. Das bringt Aufmerksamkeit. Eine Entschuldigung. Die wird argwöhnisch beschnuppert. Die liest man aufmerksam. Er ist entschlossen. Das
nächste Mal macht er das richtig. Sie arbeiten noch dran,
Sir? sagt der Kellner im Witz.
Er hadert. Er schleckt seinen Teller nicht aus. Das macht die
von ihm getrennt lebende Lebensgefährtin. Warum muss
er nachsitzen? Weil du zivilgesellschaftlich tickst, Blödmann.
Schon mal von Aberwitz gehört? Das ist die Schule
der Aufmerksamkeit, sagt der Kellner im Witz.