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MR. BARACK OBAMA

 


              Fritz Hirzel, Register to vote, Juli 2008


Seit vier Uhr nachmittags stehen sie vor der Siegessäule

in Berlin. Die Menschenmassen. Und warten.

      Und sie „heissen Mr. Barack Obama“, wie die Stimme

ab Tonband sie in deutscher Sprache auffordert,

„herzlich willkommen“. Die Berliner und die Berlin-Amerikaner.

Wieviele das sind? Keine Ahnung. Viele. Sehr viele.

Aber jeder sieht nur seine Nächsten.

      „Americans abroad! Register to vote!“

rufen Wahlhelfer der Demokraten ihnen zu, als sie zur

Siegessäule unterwegs sind. Durch zwei

Sicherheitskontrollen muss jeder hindurch, die zweite wie

auf dem Flughafen. Alles auspacken.

      Auffällig und einsam wacht ein Bodyguard, dunkler Anzug,

Sonnenbrille, auf der grossen, leeren Bühne – Blickrichtung

Rednerpult, Blickrichtung Strasse des 17. Juni, die sich

mehr und mehr füllt. Zuletzt sind es vierzig Sicherheitsleute,

lauter Männer. Und eine blonde Mittvierzigerin.

      Ein Schild – eine Art mittelalterliches Schutzschild gegen

Gewehrkugeln – wird sorgfältig mit Klebeband unter

dem Rednerpodest angebracht. Beinfreiheit nicht stören! Und

eine zusammengelegte Matte, die ziemlich schusssicher

aussieht, auf die Bühne gelegt.

      Ein Dreissigjähriger – Obamas Redenschreiber? – trägt

die lederne Manuskriptmappe zum Rednerpult und

legt sie aufgeschlagen hin. Ganze Sätze? Stichworte? Barack

Obama wird nicht ein einziges Mal auf das blicken, was

da vor ihm liegt. Aber spricht er frei? Liest er ab?

      Ein Techniker richtet nochmal die Spiegelflächen

der zwei Teleprompter links und rechts vorm Rednerpult. Ganz

zuletzt kommt ein Caterer die Seitentreppe hochgelaufen

und verstaut eine verschlossene 0,5-Liter-Flasche

Mineralwasser in der Pultschublade.

      Kurz vor sieben treten zu den Berliner Polizei-Oberen

auf der Bühnenseite Klaus Wowereit und Eberhart Körting, der Regierende Bürgermeister und der Innensenator.

Beim ZDF, wo Wowereit eben noch zum Interview war, ist jetzt

John Kornblum, der ehemalige US-Botschafter in Berlin.

      Viertel nach sieben, einige lange Sekunden nachdem

die Stimme ab Tonband die Hunderttausend – oder sind es

inzwischen Zweihunderttausend? – an der Siegessäule

zu einem herzlichen Willkommen aufgefordert hat, tritt Barack

Obama beim Säulensockel hervor.

      Er tritt auf in den Applaus hinein, in den Jubel. Er kommt

allein über die dreissig Meter lange Bühne, geht

langsam, schlaksig locker, winkt und lächelt, geht am Pult vorbei

an die Rampe und bleibt stehen, Blickrichtung

Menschenmassen, Blickrichtung Brandenburger Tor.

      Er steht an der Rampe und bleibt dort stehen,

winkt und lächelt und klatscht den Jubelnden zu und winkt

wieder und lächelt in die Menschenmassen auf der

Strasse des 17. Juni hinein. „Thank you.“ Das sagt er sieben

Mal. Es ist eine Umarmung.

      Er hält eine halbstündige Rede. Er schüttet den Graben zu,

der zwischen Europa und Amerika aufgerissen worden

ist. Er wird mehrfach von Applaus unterbrochen. Viertel vor

acht ist alles vorbei. Jubel, Applaus. Er tritt über

die Seitentreppe ab, Richtung Wowereit, Richtung Körting.

      Plötzlich dreht er ab, tritt an das Frontpublikum

heran, fasst ausgestreckte, ihm zufliegende Hände an,

hinter sich, in Bewegung und mit Augen in jede

mögliche Blickrichtung, die Bodyguards, und Hände schüttelnd

läuft er das Sperrgitter ab und lässt sich Zeit.

      Es geht um die Bilder. Geschulterte TV-Kameras

begleiten ihn hautnah. Das Bad in der Menge. Das ist Action.

Eine Rede. Das ist Wort. „New York is supporting you!“

ruft gleich zu Beginn ein Mittzwanziger ihm zu. Und im gleichen Atemzug: „We love Michelle!“


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