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KUNST IN DER VERWALTETEN WELT



               Fritz Hirzel, Kunst in der verwalteten Welt,

               TagesAnzeiger, 16. Januar 1976


In der verwalteten Welt, wo man die Kunst in einen

subsidiären Winkel abgeschoben hat und Gremien und

Kommissionen über ihren Fortbestand entscheiden,

ohne eine Absicht oder einen Willen kundzutun, es sei denn,

dies anzunehmen und jenes abzulehnen, hat alles

seine Ordnung. Die Kunst wird hinten irgendwo in der Bilanz noch mitgeführt, doch ihr Stellenwert ist so verschwindend,

dass er das Wort gar nicht verdient. Der Vorwurf, elitär zu sein,

kommt nicht von ungefähr, wenn auch aus ganz anderer

Richtung. Er meint zwar stets das Werk, verkennt die Situation

des Machers, der ohne Rückhalt produziert, nicht einmal

mehr auf Empörung spekulieren kann, die früher da und dort laut

wurde. Je schmaler, je ausgetrockneter die Basis, von der

er eigentlich zu leben hätte, desto unausweichlicher

wird sein Bemühen sein, das Gefallen jener paar zu finden,

die in den Instanzen das Jahresbudget zu verteilen haben.

      Die Freiheit, die sie ihm zu bieten haben, ist ein Hohlraum,

in dem er ohne materielle Schwierigkeiten die

nächsten Monate wird überstehen können. Seine Existenz bleibt

dabei die alte, gepolstert mit wenig Geld, viel

Gleichgültigkeit und dem Gezänk von jenen, die nichts

bekommen haben. Nichts ändert sich, verglichen

mit dem Fluss des Ganzen, an seiner Isolation. In der verwalteten

Welt ist die Kunst gesellschaftlich ausgeklammert, an den

Rand gedrängt. Was sie hervorbringt, stösst auf kein Interesse,

auf das nicht ohne weiteres verzichtet werden könnte,

gemessen am Verteiler eines Herstellers von Milchprodukten.

Nicht nur die herumgeschobenen Arbeitnehmer, auch

die Instanzen selber haben kaum Bedarf, es sei denn ab und zu

für Ausschmückendes am Bau, das eine Klausel

vorschreibt. Resonanz ist ihnen unangenehm, verwalten sie doch

nur die Tatsache, dass Kunst kein Brot hat. Jeder spürt,

dass sie im Grunde sich davon nichts versprechen. Sie wirtschaften

nicht, es ist hinausgeworfenes Geld, ein Almosen.

      Dass die Kunst ihre Öffentlichkeit verloren hat, nehmen ihre

Verwalter hin, ohne dass sie sich verdächtig machen.

Es gibt sie halt nicht mehr, die Öffentlichkeit, dazu sind die

Kanäle zu anonym, die Zeiten zu restaurativ. Nicht

nur, dass Angestelltenverbände mit Kaderkursen das historische

Versprechen abgelöst haben, das vom frühen Bürgertum,

von der Arbeiterbewegung ausgegangen ist, die Gesellschaft

insgesamt weiss gar nicht mehr, wohin sie will.

Öffentlichkeit hat sie delegiert an eine öffentliche Meinung.

Wo sie in Sachen Kunst auftritt, macht sie Umtriebe,

kommt als Zerrbild daher, in den Gestalten von Interessenvertretern,

die keine Ruhe geben, bis das Anstössige beseitigt ist.

Der Skandal, dem heute alles fehlt, was einstmals zu ihm hat

führen können, lebt so als Karikatur noch fort.

      Das bleibt allerdings die Ausnahme, eine Fehlbesetzung,

ein Unglücksfall muss dem vorausgegangen sein.

Die Regel bestätigt ein Häufchen Beflissener in einem

Niemandsland. Kultur, die zum Verwaltungsakt

herabgekommen ist, entwickelt ihre eigenen Gesetze.
Jeder in den Ressorts weiss das, niemand wird es überschätzen.

In der Welt der Kartellabsprachen, der Monopolansprüche

wird keiner so vermessen sein, mit dem ernsthaft zu rechnen, was

als Kunst ein Dasein fristet. Alles bleibt unter Kontrolle, die

Lage ist entschärft, das Publikum hat sich verlaufen.

      Die Subventionskultur errichtet ihren Gabentempel.

Unverkennbar die Tendenzen dessen, was gefördert wird.

Eine gewisse Verspieltheit lässt sich ausmachen,

da und dort Verschönerung des Betonhimmels, mitunter

aufgeklärte Attitüde, Erzieherisches, Progressives

zum Beweis der Liberalität. Die Abgewiesenen werden sich erneut

verweigern und beteuern, es seien dies Erscheinungsformen

der Domestizierung, wo in den Gremien doch nur die Rangfolge

von Prestige und Protektion zu beachten war. Im Teich

der Schaffer ist jeder potentiell ein Antragsteller, aber keiner

weiss Bestimmtes, wenn er sich in diesen Wettbewerb

begibt. Je fortgeschrittener das Medium ist, in dem er sich

ausdrücken will, desto mehr begreift er sich als

Opfer seiner Verhältnisse, nicht als deren Produzent.

      Angesichts der Anstalten, deren Funktionäre über Bild und Ton

bestimmen, die an das Volk gelangen, wird der einzelne

zunächst zum Aspiranten, der keinen Anspruch stellen kann.

Der Apparat verschlingt und refüsiert auf eine

rätselhafte Weise. Und der Versuch, sich darauf einzustellen,

muss schon deshalb scheitern, weil er nie den letzten

Stand erreicht, auf den sich die Verantwortlichen dieser oder

jener Abteilung gerade erst geeinigt haben. Kommt

noch hinzu, dass ein Posten vielleicht neu besetzt wird, das

Ressort jetzt nach anderen Ideen sucht. Mit der Mode

wechseln hin und wieder sogar die Wellenreiter. Zuletzt wird das

Geflecht der Undurchdringlichkeiten so zermürbend,

dass der Beflissene selbst jenen Vogelfreien noch nachtrauert,

die sich gleich auf den Pfründen des Sozialamts

niederlassen und ihre Bettlerrolle in Demut auf sich nehmen.


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