KNUT
Fritz Hirzel, Mahlzeit, mein Kleiner, Frühjahr 2009
Am nächsten Tag stand auf dem Bahnsteig ein ausgewachsener
Eisbär, allein und unbeachtet von den Reisenden,
die auf den Frühzug nach Cuxhaven warteten. Mir gefiel sofort,
wie er zu sagen schien: Willst du dich nicht zu mir
setzen, mein Kleiner?
Ich stieg zu ihm ins Abteil und packte meine Stulle und die
Thermosflasche mit Kaffee aus, die meine Frau mir
mitgegeben hatte. Aber der Eisbär schien plötzlich zu wachsen
und füllte das ganze Abteil aus. Er roch nach Fisch
und drückte mich an die Türkante.
Ich konnte kaum atmen und versuchte durch die Tür
hinauszukommen, aber auf dem Gang standen dichtgedrängt
Reisende, die mich nicht beachteten. Ich rief um
Hilfe, aber keiner trat zur Seite. Der Eisbär hielt seine Pranke über
mich und sagte: Dumme Kerls, alle zusammen.
Dann stoppte mit einem Ruck der Zug und im Gang fielen
alle übereinander. Die Tür war aufgesprungen, ich
kroch auf allen Vieren hinaus und sah, wie der Eisbär meine
Stulle verzehrte und den Kaffee austrank und zu
sich sagte: Mahlzeit, mein Kleiner!